Jule Ronstedt liest im ELFI
Für Veranstalter gibt es kaum etwas Schöneres, als wenn eine Veranstaltung auf so großes Interesse stößt, dass die Menschen zahlreich erscheinen. Was die Macherinnen von „NEUE SICHT e. V.“ bei der Lesung von Menomorphosen erlebten, sprengte allerdings im wahrsten Sinne des Wortes den Rahmen: Der Andrang war so groß, dass der Raum bei Weitem nicht alle fassen konnte. Im Vorraum mussten zusätzliche Stühle aus der Gastronomie herbeigeschafft werden, doch auch sie reichten nicht aus. Manchen blieb nur ein Stehplatz. Mit ihrer Lesung über die Menopause traf Jule Ronstedt offensichtlich einen Nerv. Dass sich vor allem Frauen unter den Interessierten befanden, überraschte kaum.
Christine Olma, die Vorsitzende des Vereins begrüßte die zahlreichen Gäste und die Autorin. Bevor sie Jule Ronstedt das Wort übergab, lud sie die Frauenärztin Dr. Carin Zahner aus Eichstätt ein, das Thema Menopause aus fachlicher Sicht einzuordnen.
Historisch wurde die Menstruation häufig mit Ausscheidung und Entgiftung in Verbindung gebracht. Blieb sie aus, galt das nicht selten als Zeichen einer körperlichen Störung. Im 19. Jahrhundert wurden die Wechseljahre zunehmend pathologisiert und Beschwerden von Frauen mitunter als Hysterie gedeutet. Später etablierte sich die Vorstellung, die Menopause sei vor allem ein hormoneller Mangelzustand, der durch eine Hormonersatztherapie ausgeglichen werden müsse. Große Studien zeigten jedoch, dass bestimmte Hormontherapien auch gesundheitliche Risiken bergen, darunter ein erhöhtes Brustkrebsrisiko sowie – abhängig von Präparat und individuellen Voraussetzungen – Risiken für Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Heute werden Nutzen und Risiken differenzierter beurteilt und individuell abgewogen.
Einen anderen Blick auf diese Lebensphase eröffnet die Traditionelle Chinesische Medizin (TCM). In ihrer klassischen Lehre wird die weibliche Entwicklung in Sieben-Jahres-Zyklen beschrieben. Mit etwa 49 Jahren beginnt demnach eine neue Lebensphase: Die für die Fortpflanzung wichtige Essenz, das sogenannte Jing, nimmt ab, die Menstruation kommt zum Erliegen. Das bedeutet jedoch nicht, dass die Lebensenergie erschöpft ist. Vielmehr lässt sich dieser Übergang als Wandel verstehen – von der reproduktiven Phase hin zu einer Zeit, in der Selbstfürsorge, innere Entwicklung und Weisheit stärker in den Vordergrund treten können.
Wie Frauen ihre Menopause erleben und individuell mit den Veränderungen umgehen, steht auch im Mittelpunkt von Jule Ronstedts Buch. Die 26 Geschichten sind so unterschiedlich wie die Frauen selbst: mal amüsant, mal nachdenklich, mal überraschend. Die Autorin, vielen auch als Schauspielerin aus dem Film „Wer früher stirbt, ist länger tot“ bekannt, erzählt mit scharfem Blick und viel Humor davon, was geschieht, wenn Frauen nicht einfach verschwinden, sondern sichtbar bleiben – mal wütend, mal wild und oft mit viel Witz auf der Suche nach ihrem Platz in dieser neuen Lebensphase.
Wie sehr Ronstedt ins Schwarze traf, zeigten die Reaktionen aus dem Publikum. Immer wieder war Lachen zu hören, wenn sich die Zuhörerinnen in den Geschichten wiedererkannten oder sich über die radikalen Reaktionen der Protagonistinnen amüsierten. Ronstedt erwies sich als hervorragende Beobachterin und Erzählerin. Mit ihrer lebhaften, humorvollen Art vorzulesen, machte sie den Abend zu einem besonderen Erlebnis.
Der große Zuspruch zeigte eindrucksvoll, wie sehr Themen, über die noch immer zu wenig gesprochen wird, die Menschen bewegen – und wie bereichernd es ist, ihnen Raum zu geben. Bleibt zu wünschen, dass „NEUE SICHT e. V.“ auch künftig mit Veranstaltungen Denkanstöße gibt, Menschen zusammenbringt und das kulturelle Leben bereichert. (Ha-Ga)












