Tina und Andrea pilgerten von Florenz über Assisi nach Rom – 600 Kilometer voller Grenzerfahrungen.
Der Wecker klingelt um 4.30 Uhr. Eine halbe Stunde später sind Tina und Andrea bereits unterwegs. Nicht, weil die beiden Ingolstädterinnen ausgesprochene Frühaufsteherinnen sind, sondern weil ihnen später die italienische Sonne das Weitergehen schwer machen würde. Vor ihnen liegen steile Anstiege, schmale Wege über den Apennin – und am Ende rund 600 Kilometer zu Fuß.
Am 5. Juni starten die beiden in Florenz. Ihr Ziel: über Assisi bis nach Rom, immer auf den Spuren des heiligen Franziskus. Am 2. Juli erreichen sie die italienische Hauptstadt. Mit An- und Abreise per Zug sind sie 32 Tage unterwegs.
Die Idee entsteht ein Jahr zuvor – ausgerechnet am Ende einer anderen Pilgerreise. 2025 waren Tina und Andrea gemeinsam auf dem Jakobsweg von Porto nach Santiago de Compostela und weiter bis Kap Finisterre unterwegs. Beim gemütlichen Abendessen überlegen sie, wohin sie ihr nächster Weg führen könnte. Sie stoßen auf den Franziskusweg.


Was zunächst nach einer ruhigeren Alternative zum bekannten Jakobsweg klingt, entpuppt sich schnell als körperliche Herausforderung. Die Landschaft ist wunderschön, doch die Etappen über den Apennin verlangen Kondition und Trittsicherheit. Steile Auf- und Abstiege gehören zum Alltag. Dazu kommt die Hitze. Deshalb brechen die beiden oft schon um 5 Uhr morgens auf.
Rund zehn Kilogramm wiegt jeder Rucksack. Viel Luxus ist nicht dabei: drei T-Shirts, zwei Hosen, drei Paar Socken, Regenkleidung, Sonnenhut, ein kleines Handtuch, Verbandszeug, Pilgerführer und Pilgerpass. Dazu gut eingelaufene Wanderschuhe und Wanderstöcke. „Überflüssig war nichts“, sagen die beiden im Rückblick.
Aufgeben? Daran denken sie trotz Blasen, Knieproblemen und so manchem Zipperlein nicht. Schwieriger wird es, wenn der Weg selbst zum Problem wird. Die Markierungen sind teilweise lückenhaft, manchmal fehlen sie ganz.
An einem Tag verlaufen sich Tina und Andrea trotz GPS und Pilgerführer. Sie sind bereits seit Stunden unterwegs, erschöpft und in der prallen Sonne. Bis zum Tagesziel wären es noch einmal drei Stunden. Ein Taxi? In dieser abgelegenen Gegend nicht zu bekommen.
Also fassen sie einen Entschluss: Das nächste Auto wird angehalten.
Nach weiteren Kilometern hören sie endlich einen Motor. Um die Ecke kommt ausgerechnet ein VW-Käfer-Cabriolet. Der Fahrer erkennt offenbar sofort, wie erschöpft die beiden sind, hält an – und bringt sie bis zu ihrem Tagesziel. Für Tina und Andrea ist er bis heute „unser Held des Tages“.
Überhaupt sind es die Begegnungen, die bleiben. Anfangs treffen die beiden tagelang keinen anderen Pilger. Erst nach einer Woche begegnen sie einer Frau aus Dresden, später einer Holländerin, drei Franziskanerinnen und zwei Pilgern aus Taiwan. In der Pilgerunterkunft Eremo di San Pietro teilen sie mit anderen einen Schlafsaal. Besonders berührt sie eine Andacht in der Klosterkirche mit einer traditionellen Fußwaschung für die Pilger. „Da flossen einige Tränen.“
Der Franziskusweg ist anders als der Jakobsweg. Hier führt die Route direkt zu Orten, an denen Franziskus gelebt, gebetet und gewirkt hat. Klöster, Einsiedeleien und Orte wie La Verna oder Assisi machen die Geschichte des Heiligen für die beiden beinahe greifbar.
Für Tina wird die Reise deshalb weit mehr als eine sportliche Herausforderung. Die 66-Jährige ist nach zwei Krebserkrankungen verrentet, leitet in Ingolstadt eine Selbsthilfegruppe für an Krebs erkrankte Menschen, arbeitet ehrenamtlich als Hospizbegleiterin und ist zertifizierte Pilgerbegleiterin.
„Diese Pilgerwanderung war für mich eine Therapie unter freiem Himmel“, sagt sie. Nach einer anstrengenden Zeit habe ihr der Weg geholfen, sich wieder auf das Wesentliche zu konzentrieren. Besonders prägt sie ein Gedanke: nicht auf den Gipfel schauen, sondern nur auf den nächsten Schritt. „Der Schmerz beim Auf- und Abstieg ist vorübergehend. Das Gefühl, oben angekommen zu sein, bleibt.“
Auch Trauer begleitet beide Frauen. Während der Reise erfährt Tina vom Tod zweier nahestehender Menschen. In vielen Kirchen zündet sie Kerzen an und betet. Andrea erlebt im Rieti-Tal einen ganz eigenen Moment. Dort führt der Weg fast kreisförmig und scheinbar wieder weg vom Ziel Rom. „Das Gefühl, im Kreis zu gehen, war für mich kaum aushaltbar.“ Als sie das Tal verlassen, empfindet sie Erleichterung – und die Zuversicht, dass auch der eigene Lebensweg nach einem Verlust weitergehen kann.
Am Ende wartet Rom. Stolz sind sie, die gesamte Strecke geschafft zu haben. Doch nach Wochen auf stillen Wegen ist die überfüllte, heiße Hauptstadt auch ein Kontrast. Das „Franziskus-Feeling“, sagen sie, geht dort ein wenig verloren.
Geblieben ist etwas anderes. Ihre Freundschaft sei auf den 600 Kilometern noch tiefer geworden. Sie konnten sich aufeinander verlassen, sich stützen und motivieren. Tina brauchte nach der Rückkehr lange, bis „die Seele wieder zu Hause angekommen“ war.
Wer den Franziskusweg selbst gehen möchte, sollte ihn nicht unterschätzen, warnen die beiden. Gute Kondition und Trittsicherheit sind Pflicht. Wegen der teilweise fehlenden Markierungen und der wenigen Pilger raten sie außerdem davon ab, alleine zu gehen.
Und war es damit genug mit dem Pilgern? Offenbar nicht. Für 2027 haben Tina und Andrea bereits ein neues Ziel gefunden.
Welches, verraten sie noch nicht.
Bild: Tina und Andrea auf dem Franziskusweg zwischen Florenz, Assisi und Rom.
