Spritpreis-Wahnsinn: Wo ist die günstigste Zapfsäule?

Jeden Mittag schlägt auch für Alexander Braun (EDEKA Tankstelle, Lena-Christ-Straße in Ingolstadt) die Stunde der Wahrheit. Kaum ist die Zwölf-Uhr-Marke erreicht, schnellen an Ingolstadts Tankstellen die Preise nach oben und landen manchmal sogar bei bis zu 25 Cent Unterschied. In derselben Stadt, im selben Markt, für den selben Kraftstoff. Wer glaubt da noch, dass es an den Zapfsäulen in der Region mit rechten Dingen zugeht? Was wir erleben, ist ein tägliches Preisspektakel, dessen Regeln kaum jemand versteht, dessen Rechnung aber jeder bezahlen muss – oft ohne zu verstehen, warum. Auffällig bleibt, die freien Tankstellen unterbieten meist den Preis der großen Ketten. Wie kann das sein?

Unser Interview mit dem selbstständigen Tankstellenbetreiber Alexander Braun legt den Finger in eine offene Wunde. Braun beschreibt eine Branche, in der Einkaufspreise von Börsenbewegungen abhängen, Liefermengen täglich disponiert und Margen mehrfach am Tag neu kalkuliert werden. Das klingt zunächst nach normaler Kaufmannsarbeit. Doch gerade der Blick auf seine freie, regional geführte Station macht die Absurdität sichtbar: Braun kalkuliert knapp, setzt auf Masse und gewinnt oft den Wettbewerb der günstigsten Anbieter vor Ort.

Was ist los an Ingolstadts Tankstellen?

Der freie Tankstellenbetreiber Alexander Braun wird im Interview deutlich und kritisiert die Branche. Er zählt regelmäßig zu den günstigsten Anbietern. Natürlich haben Tankstellen Kosten: Personal, Strom, Miete, Logistik, Sicherheit, Technik. Natürlich schwanken Einkaufspreise. Natürlich darf ein Unternehmen Gewinn machen. Doch diese Selbstverständlichkeiten erklären nicht, warum der Preis innerhalb weniger Stunden Achterbahn fährt und warum selbst benachbarte Stationen Welten trennen können. Wenn eine freie Tankstelle mit geringer Marge und hohem Absatz auskommt, müssen große Ketten erklären, weshalb ihre aufwendigen Zentralen und gewaltigen Einkaufsvolumen ausgerechnet beim Endpreis keinen erkennbaren Vorteil bringen.

Besonders brisant ist die tägliche Preiskurve. Wer morgens tankt, zahlt häufig anders als mittags oder abends. Die Zapfsäule ist zur Börsentafel des kleinen Mannes geworden – nur ohne Transparenz, ohne Verhandlungsmacht und ohne Chance, den Einkauf zu verschieben, wenn der Weg zur Arbeit ruft. Der Kunde soll Apps prüfen, Uhrzeiten vergleichen, Umwege berechnen und dabei hoffen, nicht genau im falschen Moment auf Reserve zu fahren. Das ist kein funktionierender Verbrauchermarkt. Das ist organisierte Unübersichtlichkeit.

Hinzu kommt der Verdacht, dass jeder internationale Zwischenfall an der Börse sofort als Argument für höhere Preise herhalten muss, während Entspannung nur zögerlich an der Zapfsäule ankommt. Ein Verdacht ist kein Beweis, trotzdem bleiben Fragen. Wer verdient entlang der Kette wie viel? Welche Rolle spielen Terminhandel, regionale Preiszonen, Lieferverträge und Logistikkosten? Und weshalb können Aufschläge im Wettbewerb offenbar so weit auseinanderliegen? „Ich kann dazu nur sagen, dass mein Kraftstoffvertrieb auf große Mengen mit kleiner Marge setzt, dass ich täglich meine Tanks befülle und drei Mal am Tag meine Preise kalkuliere, eng gebunden an den schwankenden Börsenpreis. Das mittägliche Preis-Roulette, sprich die einmalige Möglichkeit den Tagespreis zu erhöhen, ist die fixe Vorgabe der Bundesregierung, wird aber von so manchem Kollegen nicht ganz so ernst genommen wie bei uns “, erklärt Braun etwas verschnupft.

Viele Fragen bleiben auch für Tankstellenbetreiber offen. Es braucht keine Gerüchte oder Ausflüchte, sondern belastbare Antworten, weil sich nicht alle an die Spielregeln halten. Wenn es nach Braun ginge, müssten Börsenmechanismen überprüft, regionale Aufschläge offengelegt und Regeln konsequent kontrolliert werden. Die Politik schuldet den Bürgern Klarheit, die Behörden schulden ihnen Durchsetzung, und die Mineralölwirtschaft schuldet ihnen eine Erklärung.

Der Tankrabatt durch die „Preisbremse“ der Bundesregierung verschafft aktuell Pendlern, Familien und Betrieben kurzfristig Luft. Aber er behandelt das Symptom, nicht die Ursache, so Braun. Der Staat verzichtet auf Milliarden, die dann anderswo fehlen, während die Preisbildung entlang der Lieferkette weiterhin schwer durchschaubar bleibt. Dass die Entlastung nach bisherigen Beobachtungen größtenteils weitergegeben wird, ist erfreulich; eine rechtliche Pflicht zur vollständigen Weitergabe besteht jedoch nicht. Genau darin liegt das politische Wagnis: Steuergeld allein schafft noch keinen freien Markt.

Transparente Preisbildung wäre in diesem Fall eher kein Angriff auf den Wettbewerb, sondern seine Voraussetzung. Ein Markt, den nur noch Spezialisten mit Börsendaten, Apps und Kalkulationsformeln verstehen, ist für Verbraucher kein fairer Markt. Und eine Preispolitik, die Mittagsaufschläge als Ritual etabliert, darf sich über wachsende Wut nicht wundern.

Artikel teilen

Lesen Sie auch

Mehr zu