Über Druck, Teamarbeit und Zweifel
Das Gespräch mit Sabrina Wittmann und Co-Trainer Fabian Reichler entstand vor der Bekanntgabe der Trennung vom FC Ingolstadt. Die beiden sprachen mit IN-direkt über Druck, Verantwortung, Teamarbeit, Zweifel und ihren persönlichen Weg im Profifußball.
Am heutigen Donnerstag, 24. September, gab der FC Ingolstadt die Trennung von Wittmann bekannt. Der Verein begründete die Entscheidung mit der sportlichen Entwicklung und den Ergebnissen im bisherigen Saisonverlauf. Wittmann erklärte, sie hätte den Weg mit der Mannschaft gerne fortgesetzt, das dafür notwendige Vertrauen sei jedoch nicht mehr vorhanden.
Vor diesem Hintergrund veröffentlichen wir das Gespräch in seiner ursprünglichen Form. Es gibt einen Einblick in die Gedanken der Trainerin zu einem Zeitpunkt, als ihre Zukunft beim FCI noch nicht öffentlich zur Debatte stand.
Mehr als 90 Minuten – Interview mit Sabrina Wittmann und Fabian Reichler
Sabrina Wittmann ist beim FC Ingolstadt 04 längst mehr als eine Trainerin mit außergewöhnlicher Vita. Seit 20 Jahren gehört sie zum Verein, arbeitete sich durch dieNachwuchsmannschaften und bildet seit 2019 mit Fabian Reichler ein eingespieltes Trainerteam. Der Weg zur Profimannschaft war trotzdem nicht vorgezeichnet. Erst in ihrer Zeit bei der U19 entwickelten sich konkretere Ambitionen für den Herrenbereich. Als sie im Mai 2024 interimsweise die Profis übernahm, blieben gerade einmal drei Tage bis zum ersten Spiel. Gemeinsam mit Reichler ging es deshalb weniger um einen großen Neustart als zunächst um die Frage, ob und wie sich die Ideen aus der U19 auf die Profis übertragen lassen.

Die lange Nachwuchsarbeit empfindet Wittmann heute als wichtigen Vorteil. Die sogenannten „Basics“ habe sie von der Pike auf gelernt. Im Profifußball gehe es dann häufig „nur“ noch um Nuancen. Dass sie sich für diesen Schritt vorbereitet fühlte, war deshalb kein Zufall. Sie kannte den Verein, seine Strukturen und viele Abläufe aus jahrelanger eigener Erfahrung. Gleichzeitig bedeutete der Sprung in den Profibereich eine neue Form von Verantwortung: Jeder Fehler wird öffentlich bewertet, jede Entscheidung steht stärker im Fokus.
Von der U19
Auch beim Führungsstil gibt es für sie Unterschiede: U19-Spieler befänden sich noch in ihrer Entwicklung, während Profis in vielen Bereichen bereits deutlich selbstständiger agierten. Auch Reichler erläutert, dass im Jugendbereich noch stärker das Erzieherische dominiere, während es bei den Profis vor allem darum gehe, Zusammenhalt und Vertrauen zu schaffen.
Gerade in diesem Zusammenspiel sieht Wittmann eine der Stärken des Trainerteams. „Ein guter Co-Trainer zu sein, ist definitiv eine Gabe! Fabi ist den Spielern wirklich nahe.“ Entscheidungen werden trotzdem nicht einfach im Kreis weitergereicht. Im Trainerteam werde viel diskutiert, unterschiedliche Meinungen seien ausdrücklich erwünscht. Am Ende müsse aber sie als Cheftrainerin entscheiden – und dafür geradestehen. Für Wittmann und Reichler gehören zu einem funktionierenden Staff zudem jeder Einzelne: von der Physiotherapie über die Analyse bis zum Zeugwart.
Die 3. Liga beschreibt sie als inkonstant und zugleich enorm ambitioniert. Spieler und Vereine wollten nach oben, entsprechend hoch sei der tägliche Druck. Die besonderen Momente entstehen dabei nicht nur auf dem Platz. Eine schwere Verletzung unter der Woche könne ebenso belastend sein wie eine Niederlage. Umgekehrt zählt für Wittmann auch der Augenblick, wenn ein Nachwuchsspieler erstmals ins Profitraining kommt. Gerade diese Verbindung von Ausbildung und Profifußball erscheint ihr extrem wichtig. Niederlagen lassen sich deshalb auch nicht einfach abschütteln. „Natürlich, jeder weiß es ja besser“, sagt Wittmann. Sie habe aber gelernt, sich von Urteilen anderer unabhängiger zu machen, auch wenn Niederlagen selbstverständlich mit nach Hause gingen. Zweifel gehören für sie zum Beruf dazu, solange sie in einem gesunden Maß bleiben.
Erste Frau im deutschen Männer-Profifußball
Der historische Umstand, als erste Frau im deutschen Männer-Profifußball als Cheftrainerin gearbeitet zu haben, interessiert sie inzwischen weniger als ihre eigentliche Arbeit. Die ständigen Fragen zum Geschlecht seien zunächst „nervig“ gewesen, heute würden die Anfragen weniger – die Anfeindungen in fremden Stadien allerdings härter. Gleichzeitig freut sie sich darüber, als Teil der deutschen Fußballgeschichte vom Deutschen Fußballmuseum angefragt zu werden.
Was hinter dem Fußball zurückbleibt, spricht sie ebenfalls offen an: Partnerschaft, Familie und Freunde kämen derzeit zu kurz. Der Beruf fordere viel Zeit und Energie, und diese persönliche Seite müsse momentan auch einmal auszuhalten sein. Trotzdem klingt kein großes Karriereprogramm an. Wittmann formuliert ihre Zukunft bewusst knapp: Sie wolle immer mit den Besten zusammenarbeiten – „aktuell und auch künftig!“ (ULi)
Hintergründe zur Trennung
FC Ingolstadt trennt sich von Trainerin Sabrina Wittmann

