Jens Rohrer – der Meister des Skurrilen in Ingolstadt
Angetrieben vom Ideen-Tourette wird er 50
Wer kennt ihn nicht in Ingolstadt – den Hansdampf in allen (kulturellen) Gassen? Das ist keineswegs despektierlich gemeint. Im Gegenteil: Die Redewendung stammt ursprünglich aus Grimmelshausens Der abenteuerliche Simplicissimus– und Literatur liegt Jens im Blut. Seit er lesen konnte, verschlang er alles, was ihm in die Finger kam. Dabei kamen ihm viele eigene Ideen, die irgendwann festgehalten werden wollten.
Als junger Mann lernte er einige Autoren kennen – gemeinsam gründeten sie die Gruppe junger wilder Autoren „Umbruch 96“. Seine ersten Texte warf er später weg, denn, so Jens: „Ich dachte, Schriftsteller heißt, nächtelang durchschreiben, viel Rotwein trinken und sich möglichst wie seine Vorbilder anhören.“ Es dauerte eine Weile, bis er sich von diesen löste und seinen eigenen Stil fand.
Auf die Frage, woher seine Ideen kommen, sagt er, er „leide“ wohl unter einem Ideen-Tourette. Da er mit offenen Augen und Ohren durch die Welt geht, brauche es oft nur einen kleinen Anstoß – und schon ploppen Gedanken wie „Was wäre, wenn…“ auf. Diese lässt er in seinen Erzählungen – sehr zur Freude seines Publikums – gerne bis ins Absurde eskalieren.
Inzwischen ist er nicht nur in Ingolstadt gefragt, sondern auch in München, etwa im Giesinger Bahnhofsbrettl oder auf Lesebühnen wie den Schwabinger Schaumschlägern. Weil er und zwei Freunde; Pascal Simon und Dominik Neumayr, in Ingolstadt eine solche Bühne vermissten, wie es sie in vielen größeren bayerischen Städten gibt, gründeten sie im April 2018 kurzerhand selbst eine. Unter dem Motto Besser als Fernsehen laden sie seitdem monatlich ein.
Zur Eröffnung jeder Veranstaltung führten Jens, Pascal und Dominik traditionell die RTL-Sendung „Alarm für Cobra 11“ ins Feld – mit dem Hinweis, wie viel Glück das Publikum doch habe, stattdessen heute etwas Besseres geboten zu bekommen. Als die Sendung plötzlich abgesetzt wurde, schrieb Jens frech an RTL: Man brauche die Serie für ihre Anmoderation, und wenn es keine neuen Folgen gäbe, könne man doch einfach die alten wiederholen – die kenne eh keiner. Die überraschende Antwort: Die Sendung werde ab einem bestimmten Zeitpunkt wieder ausgestrahlt. Das feierten die Drei natürlich.
Zweifacher „Goethes Schlittschuh“-Preisträger mit vielen Ideen
Nebenbei leitet Jens gemeinsam mit Michael von Benkel den Ingolstädter Autorenkreis, der sich monatlich trifft und dem ein oder anderen durch die Literarische Nacht im Rahmen der Ingolstädter Literaturtage bekannt sein dürfte.
Jens hatte auch die Idee, Literatur dorthin zu bringen, wo man sie nicht erwartet – etwa bei sogenannten Guerilla-Lesungen: Vor einem Regal mit Spirituosen las er Texte von Alkoholikern, oder stand lesend in der Nordsee mit Der alte Mann und das Meer in der Hand. Mittlerweile finden diese Lesungen mit Ankündigung statt – zuletzt im Augsburger Zoo, wo er von Gehege zu Gehege zog und seine Tiergeschichten präsentierte.
Doch seine Kreativität endet nicht beim Schreiben: Jens entwickelte den „Konkreten Dadaismus“. Neben seinen Arbeiten mit Reißzwecken sammelte er vier Jahre lang Bauchnabelfussel und gestaltete daraus eine Weltkarte – den Nabel der Welt. Oder bastelte einen Bilderrahmen aus japanischen Nudeln – genannt Ramen. Er ist außerdem Mitglied der Künstlergruppe „Art Experiment“.
„Schlaflos“ – ein Erfolg mit Tiefgang
Einen besonderen Erfolg landete Jens mit seinem Drama Schlaflos. Inspiriert von seinen eigenen Schlafstörungen schrieb er einen Monolog mit Regieanweisungen und schickte ihn dem Schauspieler Benjamin Dami. Dieser war sofort begeistert: Er wollte das Stück unbedingt aufführen.
Die Nachfrage war so groß, dass die ursprünglich drei geplanten Aufführungen längst nicht ausreichten. Mittlerweile steht Schlaflos erneut auf dem Spielplan – viermal in München (im Theater „Viel Lärm um Nichts“), zweimal in Weilheim, sowie in Pfaffenhofen. Weitere Spielorte sind in Planung.
Jens feiert dieses Jahr seinen 50. Geburtstag – und wir wünschen ihm nicht nur alles Gute, sondern auch, dass sich sein großer Wunsch erfüllt: Dass endlich ein Großverlag auf ihn aufmerksam wird.