Zwei Disziplinen, ein Patient

Warum Akuthilfe und geriatrischer Blick zusammengehören

Alt ist keine Diagnose – deshalb beginnt geriatrisches Denken nicht erst beim Geburtsdatum. Für Dr. Katharina Walther, stellvertretende Leiterin der Klinik für Akutgeriatrie am Klinikum Ingolstadt, ist jeder über 80 geriatrischer Patient. Ab etwa 70 Jahren zähle der persönliche Zustand. Dr. Stephan Steger, Direktor der Klinik für Akut- und Notfallmedizin, ergänzt: Es gebe mehr ältere Menschen und zugleich viele Patienten, die Medikamente einnehmen. Hier müsse hingesehen werden.

In der Notaufnahme beginnt alles mit geriatrischem Screening. Es filtert Patienten für mögliche akutgeriatrische Behandlung. Das biologische Alter darf kein Etikett werden. „Natürlich braucht der 75-jährige Rennradler, der nach einem Unfall zu uns kommt, eine ganz andere Behandlung“, sagt Steger. Geriatrischer Unterstützungsbedarf wird differenziert betrachtet. Binnen 24 Stunden nach Eintreffen in der Notaufnahme erfolgt über beteiligte Abteilungen ein umfassendes Assessment zu Mobilität, Kognition, Ernährung sowie psychischen und sozialen Faktoren. „Selbstständigkeit im Alltag ist unser Ziel“, betont Walther. Sofern der Zustand es erlaubt, soll ein Patient am ersten Tag nach einer Operation wieder aufstehen. Schmerzen sollen kein Hindernis sein; Walther setzt auf Schmerzmedikation. Längeres Liegen kann bei Älteren schnell Kraft und Selbstständigkeit kosten.

Delir, Orientierungslosigkeit und Verwirrtheit stehen im Fokus. Nach Stegers Angaben führen alle Notaufnahmen entsprechende Assessments durch. Am Klinikum arbeitet eine interdisziplinäre Delir-Gruppe mit 15 Beteiligten aus Ärzteschaft, Pflege, Therapie und Psychologie. Besuche und Verbleib von Verwandten im Patientenzimmer sollen stärker ermöglicht und ausgebaut werden. Angehörige liefern Informationen, die Befunde nicht geben: Wie selbstständig war der Mensch? Wie lebte er zu Hause? Welche Unterstützung war nötig? Sie sind emotionale Verbindung und unterstützen den Genesungsprozess wesentlich. Die häusliche Situation ist für Steger „essenziell“. Die Zusammenarbeit mit Rettungsdienst, Hausärzten, Pflegediensten, Reha, Angehörigen und weiteren Partnern ist entscheidend nach dem Krankenhausaufenthalt. Bei der Medikation zählt der individuelle Blick. Medikamente sollen vereinfacht und sinnvoll angepasst werden; eine Medikationssoftware prüft Neben- und Wechselwirkungen und empfiehlt dem Arzt Anpassungen.

Schwieriger wird es, wenn medizinisch noch vieles möglich, aber Lebensqualität und Selbstständigkeit im Mittelpunkt sind. Die richtige Balance zwischen medizinisch Machbarem und dem, was für den Patienten sinnvoll und gewünscht ist, zu finden sei „die hohe Kunst“, sagt Walther. Hier sei die enge Interaktion zwischen Notfallmedizin und Geriatrie entscheidend. Solche Entscheidungen werden nicht von einzelnen Ärzten getroffen, sondern als Team aus Ärzten verschiedener Fachdisziplinen, Pflege und Therapeuten – mittlerweile gang und gäbe. So lassen sich schwerwiegende Entscheidungen mit Patienten und Angehörigen dank gebündelten Fachwissens verschiedener Berufsgruppen begleiten und lösen.

Seniorengerechte Medizin beginnt mit geschultem Blick, Zeit für den Menschen und Wissen, was nach der Akutbehandlung möglich bleiben soll. Walther betont: „Aus- und Weiterbildung ist das A und O.“ Erfolg bemisst sich nicht nur an Liegedauer oder Wiederaufnahme. Entscheidend sind Potenzial und mögliche Selbstständigkeit nach der Entlassung. Bei einem Menschen mit Pflegegrad 5 können die Ziele andere sein. „Wir nehmen uns auch die Zeit, um die Pflege zu Hause zu berücksichtigen“, sagt Walther. Das zeigt die Individualität geriatrischer Medizin.

Was macht die Zusammenarbeit zwischen beiden Disziplinen aus? „Der Geriater nimmt den Zeitdruck aus der Notaufnahme“, erklärt Steger. Walther ergänzt: „Für die Akutgeriatrie ist die enge Zusammenarbeit mit unseren Notfallmedizinern enorm wichtig, da diese durch Screening und natürlich durch ihre Erfahrung entscheiden, welche Patienten von der geriatrischen Betreuung profitieren sollten. Und das klappt zum Glück sehr gut!“ (ULi)

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