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Online-Kommentarspalten zu queeren Themen erfreuen sich unliebsamer Beliebtheit

Der Kommentar zum Kommentar von Steffi Kürten

Der CSD in Ingolstadt ist eine relativ kleine Veranstaltung, verglichen mit riesigen Events wie beispielsweise in München oder auch in Köln, wo der CSD wie der Rosenmontag gefeiert wird – von allen! Queere Menschen nehmen ein Bad in der Mitte der Gesellschaft und erleben zur Abwechslung mal keine Ausgrenzung, Ablehnung oder abwertende Blicke. Wie sich das anfühlt, kann sich jeder vorstellen. Was für die Community ein kleiner Ausgleich für die 364 anderen Tage im Jahr ist, stellt für andere eine unglaubliche Provokation dar. Warum muss man sich so „laut“ inszenieren? Muss es denn wirklich sein, sich so zu zeigen – was auch immer damit gemeint ist? Es tauchen zuhauf die immer gleichen hasserfüllten Kommentare auf, die beispielsweise mit Kotz-Emojis die Süffisanz hinter einem Post klarstellen, der sich darüber sorgt, dass hoffentlich niemand in die Parade fährt. Queerfeindliche Angriffe im Netz finden sich natürlich auch in den Kommentarspalten hiesiger Medien unter der schlichten Ankündigung des Ingolstädter CSD. Da IN-direkt die Kommentarfunktion aus Gründen der Meinungsfreiheit scharfgeschaltet lässt, ging es auf der hauseigenen Plattform heiß her. Es wurde oberhalb aber leider auch unterhalb der Gürtellinie diskutiert, was in der Redaktion zur Kontroverse führte.

Fakt ist: Online-Kommentarspalten haben gerade bei queeren Themen eine besondere Ambivalenz. Sie können Sichtbarkeit, Austausch und Solidarität ermöglichen, aber auch schnell zu Orten von Abwertung, Desinformation und gezielter Anfeindung werden. Untersuchungen zu Hass im Netz zeigen, dass queere Menschen überdurchschnittlich häufig von Beleidigungen, Bedrohungen und abwertenden Kommentaren betroffen sind. Das Klima in Online-Debatten bei queeren Themen hat sich unangenehm verschärft.

Die unzensierte Meinungsfreiheit zählt zu den Grundpfeilern unserer Demokratie. Kommentarspalten erlauben Leserinnen und Lesern, Medienberichterstattung zu hinterfragen und Debatten mitzugestalten. Unterstützende Kommentare können queerfeindlichen Aussagen widersprechen und ein wichtiges Signal senden. So zumindest die Theorie.

Wenn Sie mich als queere Person fragen, was ich von der Kommentarfunktion bei queeren Themen halte, wünsche ich mir deutlich mehr Zensur, denn genau diese Themen werden hoch frequentiert. Alleine das Lesen von diskriminierenden Hasskommentaren macht mir einfach nur Angst. Für meine Frau und mein Kind ist der Besuch des CSD inzwischen tabu. Zu gefährlich, auch wenn in Ingolstadt und den umliegenden kleineren Veranstaltungen noch nie etwas passiert ist. Ich fühle mich schutzlos der Kommentarfunktion ausgeliefert und begreife den Sinn nicht. Mag sein, dass es nur wenige Personen sind, die sich von der bloßen Existenz des CSD in Ingolstadt massiv bedroht fühlen, aber: ein Hater reicht aus, der seinen oder einen anderen entwürdigenden Kommentar in die Tat umsetzt. Menschen machen sich selten die Mühe, ihre Ängste, Befürchtungen und Meinungen zu überprüfen. Wie linksgerichtet, wie sexualisiert und abartig ist denn der CSD in Ingolstadt? Die Hater, die immer so schnell eine Meinung parat haben und über Zustände fabulieren, die ich noch nie bei einem CSD wahrgenommen habe, spielen sich ungebremst in den Kommentarspalten und schließen sich im großen „Dagegen“ zusammen. Auch wenn man nicht allem zustimmt, nicht dem Hass und nicht der Hetze, sind viele sich darin einig, dass „queer“ zu viel Lärm macht und diese aufdringliche Minderheit endlich aus der Sonne gehen soll.

Kommentarspalten in diesem Zusammenhang können schnell den Eindruck erzeugen, die Existenz oder Gleichberechtigung queerer Menschen sei eine „Meinungssache“. Vereinfachte oder falsche Behauptungen verbreiten sich in hitzigen Debatten oft schneller als sachliche Einordnungen. Ohne konsequentes Eingreifen kippen Diskussionen; mit starker Moderation entsteht wiederum der Vorwurf der Zensur.

Fazit: Kommentarspalten sind bei queeren Themen nicht grundsätzlich schlecht, aber sie brauchen klare Regeln, aktive Moderation und Schutz vor menschenfeindlicher Sprache. Dass Menschen insbesondere beim Kommentieren im Netz verrohen, ist beängstigend, aber nicht per se Schuld der Kommentarfunktion. Besonders wichtig ist die Unterscheidung zwischen legitimer Diskussion über politische Maßnahmen und Kommentaren, die die Würde oder Existenz queerer Menschen infrage stellen. Eine gute Kommentarspalte sollte Austausch ermöglichen, ohne Betroffene der ständigen Rechtfertigung ihrer Identität auszusetzen. Wenn das nicht garantiert ist, schaden Kommentarspalten der Demokratie mehr als sie nutzen.

Foto: Free-Magnific

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