Guido Grebe, neues Vorstandsmitglied in der BHB Brauholding Bayern-Mitte im Gespräch mit IN-direkt
Guido Grebe (im Titelbild links) kommt aus Detmold nach Ingolstadt und bringt neben viel Führungserfahrung eher ungewöhnliche Leidenschaften mit: Er ist passionierter Walker, Bergwanderer und begeisterter Leser japanischer Literatur. Viel Zeit für ausgedehnte Wanderungen oder stille Lesestunden dürfte ihm in seiner neuen Funktion allerdings zunächst kaum bleiben. Seit seiner ersten beruflichen Station bei Karstadt im Jahr 1988 hat er zwölf Jahre dort im Konzern und anschließend in verschiedenen Unternehmen des Lebensmittel- und Getränkesektors gearbeitet, ehe er ab 2023 bei Kunzmann in Dasing als Geschäftsführer der Unternehmensgruppe verantwortlich war. Nun übernimmt er Mitverantwortung für Herrnbräu – ein Unternehmen, das er mit Respekt vor seiner Geschichte, aber keineswegs mit Ehrfurcht vor alten Gewohnheiten betrachtet. Unter den wachsamen Augen und Ohren seines Vorgängers Gerhard Bonschab spricht Grebe über Tradition, neue Märkte, junge Zielgruppen und die Frage, wie viel Veränderung einer traditionsreichen Brauerei guttut. Dabei wird schnell klar: Das Bier soll im Mittelpunkt bleiben, doch die Marke darf sich durchaus weiter ausdehnen. Und vielleicht entstehen die interessantesten Ideen gerade dort, wo Tradition, Unternehmergeist und ein wenig Ingolstädter Selbstbewusstsein aufeinandertreffen.

Herr Grebe, Sie übernehmen Verantwortung für ein Unternehmen, dessen Geschichte eng mit Ingolstadt verbunden ist. Was war Ihr erster Gedanke, als feststand: Ich werde künftig die Geschicke von Herrnbräu mitgestalten?
Mein erster Gedanke war ganz klar von Respekt geprägt. Herrnbräu ist ein traditionsreiches Unternehmen, und die Geschichte des bayerischen Bieres seit 1516 ist eng mit Ingolstadt verbunden. Gleichzeitig habe ich mich sehr über das Vertrauen gefreut, das mir mit dieser Aufgabe entgegengebracht wurde. Für mich ist das aber keine Position, die man einfach als nächsten Job betrachtet. Ich sehe darin eine besondere Verantwortung, aber natürlich auch eine spannende Herausforderung. Im Tagesgeschäft habe ich bislang keine bösen Überraschungen erlebt – das ist schon einmal eine gute Ausgangslage.
Welche Stationen Ihrer bisherigen beruflichen Laufbahn haben Sie besonders auf diese neue Aufgabe vorbereitet?
Ich bin inzwischen im sechsten Unternehmen als Geschäftsführer beziehungsweise Mitglied eines Vorstandes tätig. Begonnen habe ich 1988 bei Karstadt, und diesem Unternehmen verdanke ich für meinen weiteren beruflichen Weg sehr viel. Danach habe ich verschiedene Stationen im Einzelhandel und insbesondere in der Getränkebranche durchlaufen. Dazu kamen verschiedene Sanierungsaufgaben, bei einem Unternehmen der Block House-Gruppe die strategische Ausrichtung sowie eine mehrjährige Tätigkeit bei Fuchs-Gewürze. Diese unterschiedlichen Erfahrungen haben mir gezeigt, wie wichtig es ist, Unternehmen nicht nur wirtschaftlich zu betrachten, sondern Strukturen, Menschen und Märkte gleichermaßen im Blick zu behalten.
Wenn man neu in ein traditionsreiches Unternehmen kommt, begegnet man gewachsenen Strukturen, langjährigen Mitarbeitern und festen Überzeugungen. Was haben Sie in Ihren ersten Wochen über Herrnbräu gelernt, das Sie besonders überrascht hat?
Mich hat tatsächlich überrascht, wie schlank die Strukturen bei dieser Brauerei sind. Gleichzeitig ist Herrnbräu technisch und wirtschaftlich gut aufgestellt. Das ist eine Kombination, die man nicht unbedingt erwarten würde, wenn man von außen auf ein traditionsreiches Unternehmen blickt. Ich sehe darin eine große Stärke, weil kurze Wege und klare Strukturen auch Spielraum für Entwicklungen schaffen können.
Herrnbräu steht für eine lange Brautradition, Regionalität und eine starke Verbindung zu Ingolstadt. Wo sehen Sie persönlich die größten Stärken der Marke – und wo darf Tradition Ihrer Meinung nach keinesfalls zum Stillstand führen?
Die Tradition ist ein ganz wesentlicher Teil der Marke und muss unbedingt erhalten bleiben. Aus dieser Tradition heraus kann man sehr viel erzählen, und genau darin liegt eine große Chance. Aber Tradition darf natürlich nicht bedeuten, dass man stehen bleibt. Man muss eine Marke weiterentwickeln und manchmal auch bewusst etwas dehnen, um neue Absatzmärkte und neue Zielgruppen zu erreichen. Entscheidend ist, dass dabei der Kern der Marke erhalten bleibt.
Der Getränkemarkt hat sich in den vergangenen Jahren stark verändert. Neue Konsumgewohnheiten, sinkender Bierkonsum in manchen Zielgruppen, alkoholfreie Alternativen und wachsender Wettbewerbsdruck stellen die Branche vor Herausforderungen. Wo sehen Sie derzeit die größten Aufgaben für eine regionale Brauerei?
Die Marke muss sich sowohl regional als auch national weiterentwickeln. Eine weitere Möglichkeit sehe ich beispielsweise in der weiteren Expansion in Italien, wo wir mit Herrnbräu Italia Spa bereits seit Jahrzehnten im Markt sind. Aber auch hier in der Region gibt es noch Potenzial. Wir müssen genauer hinschauen, wo unsere Stärken liegen und wo neue Absatzchancen entstehen. Eine regionale Brauerei sollte ihre Herkunft als Vorteil verstehen, darf sich aber deshalb nicht darauf beschränken.
Muss Herrnbräu in Zukunft vielleicht noch stärker als bislang vom klassischen Bierbrauer zu einem vielseitigen Getränkeanbieter werden?
Ja, unbedingt. Wir müssen uns breiter aufstellen und den Getränkemarkt insgesamt im Blick haben. Das bedeutet aber nicht, dass Herrnbräu seine Identität aufgibt. Im Gegenteil: Bier muss für uns immer im Mittelpunkt stehen. Andere Produkte können das Sortiment sinnvoll ergänzen, aber der Kern der Marke bleibt das Bier.
Gerade regionale Marken können mit ihrer Herkunft und ihrer Nähe zu den Menschen punkten. Muss Herrnbräu seine Geschichte und seine Verbundenheit mit Ingolstadt künftig vielleicht noch stärker erzählen, um sich gegen große nationale und internationale Marken zu behaupten?
Auf jeden Fall. Unsere Geschichte und unsere Verbindung zu Ingolstadt sind ein echtes Pfund, das wir noch stärker nutzen können. Unsere Brauerei hat diese Nähe zu den Menschen in der Region eigentlich immer gepflegt und war damit sehr erfolgreich. Gleichzeitig können wir unsere Geschichte heute über ganz andere Kanäle erzählen als früher. Dabei könnte uns auch die Stadt noch stärker unterstützen, denn die Verbindung zwischen Ingolstadt und Herrnbräu ist aus meiner Sicht etwas Besonderes.
Wie wichtig ist Ihnen persönlich die Zusammenarbeit mit Gastronomie, Getränkefachhandel und den Menschen in der Region? Kann diese Nähe ein entscheidender Vorteil gegenüber großen Braukonzernen sein?
Diese Zusammenarbeit ist für mich ausgesprochen wichtig. Gastronomie und Getränkefachhandel sind nah an den Menschen und wissen sehr genau, was sich verändert und welche Produkte gefragt sind. Sie hängen gewissermaßen am Puls der Zeit. Deshalb ist der regelmäßige Austausch für uns entscheidend. Gerade gegenüber großen Braukonzernen kann die regionale Nähe ein echter Vorteil sein, weil wir schneller reagieren und unmittelbarer mit unseren Partnern sprechen können.
Kommen wir zum Thema Craftbeer: Ist das für Herrnbräu eine echte Option? Könnten Sie sich vorstellen, mit einer eigenen Linie oder limitierten Suden noch experimentierfreudiger zu werden – etwa mit besonderen Hopfensorten, ungewöhnlichen Rezepturen oder saisonalen Spezialitäten?
Ich würde das definitiv nicht ausschließen. Im Moment kann ich mir eine eigene große Craftbeer-Linie allerdings noch nicht konkret vorstellen. Das Thema ist interessant, und wir beobachten den Markt selbstverständlich. Entscheidend ist aber, dass wir uns nichts aufsetzen, nur weil es gerade im Trend liegt. Es muss zu Herrnbräu passen und wirtschaftlich sinnvoll sein.
Hier kommt Gerhard Bonschab ins Spiel, der über einen langjährigen Herzenswunsch kurz referiert.
Gerhard Bonschab: Ich halte in diesem Zusammenhang seit Jahren ein Haus des Bieres für einen ausgesprochen interessanten Gedanken. Ingolstadt könnte mit der Jahreszahl 1516 ein Pfund nutzen, das weit über die Stadtgrenzen hinaus bekannt ist und sich touristisch sehr gut vermarkten ließe. Auch beim Thema Frankenstein gibt es bereits einen Anknüpfungspunkt: Unser Frankensteiner Sud ist im Grunde ebenfalls ein klassisches Craftbeer. Der Markt dafür ist insgesamt zwar noch relativ klein, aber unsere Braumeister haben gerade bei solchen Kleinmengen wirklich gezeigt, was sie können. Und ich weiß, es macht ihnen durchaus Freude, gelegentlich etwas Besonderes ausprobieren zu können.
Ingolstadt ist eine junge und zugleich traditionsbewusste Stadt. Welche Zielgruppen möchten Sie künftig stärker für Herrnbräu begeistern – und wie erreicht man Menschen, die heute vielleicht eher zu anderen Getränken als zu einem klassischen Bier greifen?
Guido Grebe: Unsere Hauptgruppe, also die Konsumenten über 40, wollen und müssen wir weiterhin gut pflegen. Gleichzeitig müssen wir stärker an die jüngeren Zielgruppen heran. Dabei spielen soziale Medien natürlich eine wichtige Rolle. Junge Menschen lassen sich anders ansprechen und informieren sich über andere Kanäle als frühere Generationen. Deshalb müssen wir unsere Kommunikation entsprechend weiterentwickeln und dort präsent sein, wo diese Menschen tatsächlich unterwegs sind.
Und ganz persönlich zum Schluss: Was wäre für Sie in einigen Jahren der Moment, in dem Sie sagen könnten: Jetzt haben wir bei Herrnbräu alles richtig gemacht? Geht es dabei um den wirtschaftlichen Erfolg, neue Produkte und Marktanteile – oder wäre Ihnen am wichtigsten, dass die Menschen in Ingolstadt und der Region sagen können: Das ist unsere Brauerei?
Das eine geht für mich nicht ohne das andere. Wirtschaftlicher Erfolg ist wichtig, denn nur ein wirtschaftlich gesundes Unternehmen kann sich langfristig entwickeln. Gleichzeitig müssen die Menschen weiterhin positiv zu unseren Produkten stehen und Herrnbräu als ihre Brauerei wahrnehmen. Genau diese Verbindung aus wirtschaftlicher Stärke und regionaler Verbundenheit wäre für mich das beste Zeichen dafür, dass wir vieles richtig gemacht haben.
Meine Herren, danke für Ihre Zeit und das Gespräch!

