Wenn Ausgrenzung krank macht

Mobbing hinterlässt bei Kindern und Jugendlichen tiefe Spuren – oft lange unbemerkt

Die Eltern hatten die Hoffnung auf ein eigenes Kind eigentlich schon aufgegeben. Umso größer war ihre Freude, als Hans-Peter doch noch zur Welt kam. Ihr spätes Glück wollten sie um jeden Preis beschützen. Liebevoll und behütet wuchs der Junge auf, abgeschirmt von vielem, was draußen vor der Haustür auf ihn wartete.

Doch als Hans-Peter eingeschult wurde, zeigte sich die Kehrseite dieser behüteten Kindheit. Er war zurückhaltend, unsicher und hatte bis dahin kaum Kontakt zu anderen Kindern gehabt. Während seine Mitschüler schnell Freundschaften schlossen und ihren Platz in der Klasse fanden, blieb Hans-Peter oft am Rand. Schon bald wurde er zum Außenseiter.

Immer wieder wurde der Junge wegen seiner Ängstlichkeit verspottet, die sich nicht nur auf dem Pausenhof, sondern auch beim Sport zeigte. Bald blieb es nicht mehr bei abfälligen Bemerkungen und Hänseleien. Mitschüler versteckten seine Sachen und amüsierten sich darüber, wenn er verzweifelt danach suchte.

Hans-Peters Unsicherheit wuchs. Er zog sich immer mehr zurück und erzählte niemandem, was ihn belastete. Seine Eltern konnten sich deshalb zunächst nicht erklären, warum ihr Sohn immer häufiger über Bauchschmerzen klagte und nachts schlecht schlief. Dabei können gerade solche körperlichen Beschwerden erste Warnzeichen dafür sein, dass ein Kind unter anhaltender psychischer Belastung leidet.

Mobbing betrifft viele Schulkinder

Was Hans-Peter erlebt, ist kein harmloser Streit unter Kindern. Es ist Mobbing – und damit ist er keineswegs allein. Von Mobbing spricht man nicht bei einem einmaligen Streit, sondern wenn ein Kind über längere Zeit wiederholt beleidigt, ausgegrenzt oder schikaniert wird und sich dagegen kaum wehren kann. Schätzungen zufolge sind rund zehn bis 20 Prozent der Schülerinnen und Schüler im Laufe ihrer Schulzeit von Mobbing betroffen.

Mobbing zählt heute zu den größten psychosozialen Problemen an Schulen, weil die Folgen weit über die eigentlichen Angriffe hinausreichen. Es wirkt sich häufig auch auf die schulischen Leistungen aus. Kinder und Jugendliche, die ständig Angst vor dem nächsten Schultag haben, können sich nur schwer auf den Unterricht konzentrieren. Statt dem Unterricht zu folgen, kreisen ihre Gedanken um Fragen wie: „Was werden die sich heute wieder ausdenken?“

Der Körper befindet sich bei anhaltendem Mobbing häufig in einem dauerhaften Stresszustand. Stresshormone wie Cortisol werden vermehrt ausgeschüttet. Das beeinträchtigt Konzentration, Aufmerksamkeit und Gedächtnis – Fähigkeiten, die für erfolgreiches Lernen entscheidend sind. Viele Betroffene können sich Unterrichtsinhalte schlechter merken, machen mehr Fehler und verlieren zunehmend die Motivation.

Hinzu kommt, dass Mobbing häufig Schlafstörungen verursacht. Wer nachts schlecht schläft, ist am nächsten Tag müde, unkonzentriert und weniger belastbar. Nicht selten entsteht ein Teufelskreis: Schlechtere Noten schwächen das Selbstvertrauen zusätzlich und verstärken das Gefühl, zu versagen.

Mobbing kann nicht nur die körperliche und seelische Gesundheit beeinträchtigen, sondern erschüttert auch das Selbstwertgefühl. Gerade für Kinder und Jugendliche hat das oft gravierende Folgen. Sie befinden sich in einer Lebensphase, in der sie ihre Persönlichkeit entwickeln und Antworten auf Fragen suchen wie: „Wer bin ich?“, „Wo gehöre ich hin?“ und „Wie sehen mich andere?“

Ausgrenzung betrifft Jugendliche besonders hart

Während sich Kinder zunächst noch stark an ihren Eltern orientieren, gewinnen Gleichaltrige mit Beginn der Pubertät immer mehr an Bedeutung. Freunde und Mitschüler werden zum wichtigsten sozialen Bezugspunkt. Umso schmerzhafter ist es, ausgegrenzt zu werden und das Gefühl zu bekommen, nirgendwo dazuzugehören.

Hinzu kommt, dass Jugendliche Ablehnung und Ausgrenzung besonders intensiv erleben. Das Gehirn befindet sich noch in der Entwicklung, während die für Emotionen zuständigen Bereiche bereits sehr sensibel reagieren. Gleichzeitig ist das Selbstwertgefühl häufig noch instabil. Wiederholte Beleidigungen, Demütigungen und Ausgrenzungen können deshalb tiefe Spuren hinterlassen. Manche Betroffene verlieren das Vertrauen in sich selbst – in schweren Fällen sogar den Mut, weiterzuleben. Die Folgen können weit über die Schulzeit hinausreichen.

Schuld liegt nie beim Opfer

Hans-Peter hatte Glück: Bei ihm wurde frühzeitig erkannt, was hinter seinem Rückzug und seinen Beschwerden steckte. Während man betroffenen Kindern früher mitunter riet, selbstbewusster aufzutreten oder sich einfach stärker zu wehren, weiß man heute, dass damit die Verantwortung an die falsche Stelle verschoben wird. Mobbing ist kein Zeichen von Schwäche des Opfers. Verantwortlich sind diejenigen, die andere gezielt herabwürdigen, und eine Gruppe, die dieses Verhalten unterstützt, hinnimmt oder schweigend geschehen lässt.

Eltern und Schule kommt deshalb eine Schlüsselrolle zu. Sie müssen Warnsignale ernst nehmen, hinschauen und frühzeitig eingreifen, bevor sich das Verhalten verfestigt. Dabei braucht nicht nur das betroffene Kind Unterstützung, auch Täter brauchen Hilfe. Nur wenn die Ursachen ihres Verhaltens erkannt und aufgearbeitet werden, lässt sich der Kreislauf aus Ausgrenzung und Gewalt dauerhaft durchbrechen.

Wer unsicher ist oder Unterstützung benötigt, muss damit nicht allein bleiben. Für Betroffene, Eltern und Jugendliche gibt es verschiedene Beratungs- und Hilfsangebote. (HaGa)

Infokasten: Hilfe bei Mobbing

Schule: Erste Ansprechpartner sind Klassenleitung, Vertrauenslehrer, Schulpsychologen oder die Jugendsozialarbeit an Schulen (JaS). Sie unterstützen Betroffene und Eltern vertraulich.

Erziehungsberatung: Die Psychologische Beratungsstelle für Kinder, Jugendliche und Familien der Caritas bietet kostenlose und vertrauliche Beratung für Kinder, Jugendliche und Eltern.

Selbsthilfe: In Ingolstadt trifft sich alle zwei Wochen eine Mobbing-Selbsthilfegruppe im Bürgerhaus Alte Post. Informationen gibt die Selbsthilfekontaktstelle der Stadt unter Tel. 0841/305-50372.Online-Hilfe: Anonyme Unterstützung bieten unter anderem Nummer gegen Kummer, JUUUPORT bei Cybermobbing, JugendNotmail und Krisenchat.

Bild: magnific

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