September 2001 – Als die Teufel auf die Erde kamen

Ein Shakespeare-Zitat beschreibt den Monat besser als jede nüchterne Chronik

Ingolstadt

Der September begann in Ingolstadt beinahe heiter. An allen Grundschulen hielt Englisch Einzug, Audi begrüßte 409 neue Auszubildende, Edeka Südbayern sogar 250, und Peter Rein übernahm das Stadttheater mit Lust auf eine enge Zusammenarbeit mit dem Georgischen Kammerorchester. Die erste Blade Night versprach „Spaßlauf für jeden“ – nur eben auf Rollen. Bei Entente Florale errang die Stadt Gold. Gleichzeitig fraß sich die Kastanienminiermotte durchs städtische Grün; als Gegenmittel half vor allem gründliches Laubsammeln.

Weniger preiswürdig war ein Spielplatz, auf dem im Auffüllmaterial Knochen, Grablicht und ein Sargfuß auftauchten. Der Aushub stammte vom Gerolfinger Friedhof. Auch die Ingolstädter CSU sorgte für Schauer: Anstelle des Neuen Rathauses sollte eine Einkaufsgalerie entstehen, finanziell als „großer Wurf“ gepriesen, von den Freien Wählern als Wahlkampfgag verspottet.

Die Landkreise

Im Donaumoos erprobte Karlshuld den Haselnussanbau. Die Süßwarenindustrie zeigte Interesse – Landwirtschaft sozusagen als regionale Nutella-Hoffnung. Pfaffenhofens Landrat Rudi Engelhard ärgerte sich über die ablehnende Reaktion des Bundesumweltministeriums auf niedrigere Mobilfunkgrenzwerte. In Eichstätt beklagte die Schreinerinnung das Bildungsniveau ihrer Lehrlinge. Wegen fehlender Bauplätze drängten dort beim neuen Seidlkreuz-Süd Zeit und Interessenten.

Neuburg eröffnete unter Oberbürgermeister Huniar den rund 15 Millionen Mark teuren Donaukai, Manching zeigte beim EADS-Familientag historische und moderne Kampfflugzeuge, bei Kösching stießen Archäologen auf Gräber mehrerer Epochen; ein Toter aus der Glockenbecherzeit lag seit über 4000 Jahren in typischer Hockerstellung.

Bayern und Deutschland

Verteidigungsminister Rudolf Scharping blieb wegen Mallorca-Fotos und zahlreicher Flüge in Erklärungsnot. SPD und Union lagen mit je 37 Prozent gleichauf, die Regierungszufriedenheit sank wie heute. Edmund Stoiber wollte den Transrapid vom Münchner Hauptbahnhof zum Flughafen bis zur WM 2006 bauen. Kostenpunkt: 3,5 Milliarden Mark. Später führte die Strecke bekanntlich nur in eine Richtung: ins politische Nirgendwo.

Bundesweit kamen auf 13.000 Ausbildungssuchende 16.300 freie Stellen. Fast 60 Prozent der Betriebe beschäftigten niemanden über 50 – bemerkenswert angesichts heutiger Debatten über längeres Arbeiten. VW bestimmte Bernd Pischetsrieder zum Nachfolger Ferdinand Piëchs. Chiquita-Bananen kosteten 1,53 Euro je Kilo; heute liegen Angebote um zwei Euro. Massenproduktion, effiziente Logistik und Preisdruck halten die Frucht erstaunlich billig. Thomas Manns „Buddenbrooks“ erschien vor genau 100 Jahren – ein leiser literarischer Gegenentwurf zu diesem lärmenden Jahrhundertbeginn.

Europa und die Welt

Dann kam der 11. September. „Hell is empty and all the devils are here“, schrieb Shakespeare Jahrhunderte zuvor – selten schien der Satz passender. Entführte Flugzeuge zerstörten die Türme des World Trade Centers, trafen das Pentagon und stürzten bei Shanksville ab, nachdem Passagiere von Flug 93 Widerstand geleistet hatten. Fast 3000 Menschen starben. Osama bin Laden wurde zum Staatsfeind Nummer eins, die Börsen brachen ein, Airlines strichen zehntausende Stellen. München und Ingolstadt erwogen kurz, Feste abzusagen – und feierten unter anderen Vorzeichen.

Der Kitzsteinhorn-Bericht zeigte unterdessen, wie ein Heizlüfter, schon länger ausgelaufenes Hydrauliköl und fehlende Fluchtmöglichkeiten 155 Menschen das Leben gekostet hatten. Herzchirurg Christiaan Barnard starb mit 78 Jahren an Asthma, während die Chirurgie erneut Geschichte schrieb: Von New York aus wurde erstmals eine Patientin in Straßburg robotergestützt operiert.

Und Wladimir Putin sprach noch im Bundestag von einer Allianz gegen den Terror und erhielt von allen Seiten viel Beifall. Ach William…

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