Kommentar von Hermann Käbisch
Die amerikanische Stadt Detroit war einst das Mekka der Automobilproduktion in den Vereinigten Staaten von Amerika. Die Stadt war wohlhabend, und im Jahre 1960 lebten dort 1.670.000 Einwohner. Dann wurde eine Fabrik nach der anderen geschlossen, und die Einwohnerzahl sank. Im Jahre 2000 lebten noch ca. 950.000 Einwohner in Detroit, im Jahre 2025 waren es 630.000. Im Jahre 2013 musste die Stadt sogar wegen Zahlungsunfähigkeit Insolvenz anmelden.
Natürlich ist Ingolstadt nicht Detroit. Und in Deutschland kann keine Kommune insolvent werden. Aber der Aufstieg Ingolstadts von einer Kleinstadt zur Großstadt war ohne die positive Entwicklung von Audi nicht denkbar: Im Jahre 1946 hatte Ingolstadt knapp 37.000 Einwohner. 1948 begann die Auto Union mit der Produktion von Fahrzeugteilen in Ingolstadt. Es arbeiteten gerade ein paar Dutzend Menschen für die Auto Union. Ende der achtziger Jahre des letzten Jahrhunderts arbeiteten knapp über 30.000 Mitarbeiter bei Audi in Ingolstadt. Etwa zeitgleich (im Jahre 1989) wurde Ingolstadt Großstadt: Die Kommune überschritt die 100.000-Einwohner-Marke. Bei Audi stieg die Zahl der Mitarbeiter in Ingolstadt in den nächsten Jahren auf über 44.000 (in der Zeit zwischen 2016 und 2018). Und die Stadt wuchs mit: Ende 2018 lebten 138.181 Menschen in Ingolstadt.
Zwischenzeitlich aber sank die Anzahl der Arbeitnehmer bei Audi auf weniger als 40.000. Eine Zahl von 30.000 Arbeitsplätzen wird mittelfristig als realistisch angesehen – also ein Verlust von nahezu 15.000 Arbeitsplätzen gegenüber dem Höchststand.
Ungeachtet des Rückgangs der Arbeitsplätze bei Audi ist die Stadt weiterhin, aber deutlich langsamer gewachsen. Am 31. Dezember 2025 lebten ca. 141.000 Menschen in Ingolstadt (amtliche Einwohnerzahl; laut Melderegister ca. 145.000). Zu beachten ist allerdings, dass ein erheblicher Teil dieses Zuwachses auf Flüchtlingsbewegungen zurückzuführen ist: Gegenüber 2015 stieg die Anzahl der Ukrainer um knapp 2.200, die der Afghanen um ca. 1.150 und die der Syrer um knapp 700. Aus dem Kosovo kamen knapp 1.100, aus Bosnien und Herzegowina 470 und aus Pakistan ca. 380 Menschen mehr nach Ingolstadt. In Summe kamen also ca. 6.000 Menschen in erster Linie aus humanitären Gründen nach Ingolstadt, aber nicht, um bei Audi zu arbeiten. Bringt man diese Zahlen in Abzug, so ist Ingolstadt seit 2018 kaum gewachsen.
Aufgrund der Entwicklung bei Audi ist davon auszugehen, dass Ingolstadts größter Arbeitgeber keine Menschen mehr nach Ingolstadt locken wird. Auch die Flüchtlingsströme werden deutlich geringer. Mit einem stärkeren Wachstum Ingolstadts ist daher nicht zu rechnen. In einzelnen Bereichen (zum Beispiel bei Kitas) scheint diese Entwicklung bereits Auswirkungen zu haben. Glaubt man den Maklern, so kühlt sich auch der Immobilienmarkt ab. Der Run auf Wohnungen ist nicht mehr so dramatisch. Handwerker müssen auch nicht mehr befürchten, dass die besten Mitarbeiter von Audi abgeworben werden. Bleibt zu hoffen, dass es bei einer Normalisierung bleibt und kein dramatischer Einbruch wie in Detroit erfolgt.
Quelle: Stadt Ingolstadt, Berichte und Analysen
