Eigentlich wollte die Stadt nur Wasser. Für ihre Bäume. Und zwar möglichst aus einer Gießkanne oder einem Eimer, getragen von einem hilfsbereiten Ingolstädter.
Klingt überschaubar.
Wegen der anhaltenden Trockenheit bittet die Stadt die Bürger, Bäume vor der eigenen Haustür mitzugießen. Das Gartenamt ist seit Mai mit eigenen Einsatzfahrzeugen unterwegs, zusätzlich wurden externe Dienstleister beauftragt. Trotzdem dauert ein kompletter Bewässerungsdurchgang durch das Stadtgebiet eine bis eineinhalb Wochen. Vorrang haben junge und besonders gefährdete Bäume.
Also: Wer kann und mag, hilft mit.
Doch wer glaubt, man könne in Ingolstadt einfach einen Eimer Wasser an einen Baum kippen, ohne daraus eine gesellschaftspolitische Grundsatzdebatte zu machen, kennt die sozialen Netzwerke schlecht.
„Hauptsache der Golfplatz ist gewässert“, heißt es da. Ein anderer Kommentar geht gleich aufs große Ganze: „Wir können uns Reiche nicht mehr leisten.“ Und eine Nutzerin bringt die Diskussion ziemlich trocken auf den Punkt: „Was da für Ausreden kommen, wenn’s um einen Eimer Wasser geht…“

Willkommen in Ingolstadt. Wo aus H₂O innerhalb weniger Kommentare Gesellschaftspolitik wird.
Natürlich landet die Diskussion auch bei den Trinkbrunnen. Ein Nutzer weist darauf hin, dass es in der Stadt drei Brunnen gibt, an denen kontinuierlich Trinkwasser läuft. Einer davon ist der Marabu-Brunnen an der Hohen Schule. Auf den ersten Blick wirkt das schon ein wenig schräg: Hier läuft Wasser dauerhaft, während andernorts die Stadtbäume um jeden zusätzlichen Eimer dankbar wären.
Ganz so einfach ist die Sache allerdings nicht. Nach Angaben der Stadt hat das kontinuierlich fließende Wasser einen hygienischen Grund: Es soll verhindert werden, dass Wasser zu lange in den Leitungen steht und dadurch Probleme mit der Trinkwasserhygiene entstehen.
So bekommt Ingolstadt immerhin ein recht eigenwilliges Sommerbild: Am Brunnen muss das Wasser laufen, damit es nicht steht. Ein paar Meter weiter steht ein Baum und wartet auf Wasser.

Auch darüber, ob unter Bäumen bei großer Trockenheit überhaupt gemäht werden sollte, wird diskutiert. Andere fragen sich, ob eigentlich jeder weiß, wie man einen Baum richtig gießt. Das Gartenamt empfiehlt jedenfalls: lieber seltener, dafür ausreichend und möglichst direkt im Bereich des Baumstammes.
Vielleicht fehlt also nur noch der Ingolstädter Gießkannenführerschein. Theorie im Rathaus, Praxisprüfung am nächsten Ahorn.
Und während über Golfplätze, Trinkbrunnen, Wasserverbrauch und kommunale Zuständigkeiten diskutiert wird, schreibt eine Nutzerin: „Ich find die Kommentare auch echt bitter. Leider hab ich keinen Stadtbaum vorm Haus, mir wäre viel am Erhalt gelegen…“
Fast schon verdächtig unkompliziert.
Vielleicht braucht es am Ende tatsächlich keine Grundsatzdebatte über Reiche, Golfplätze und Stadtpolitik. Vielleicht muss auch nicht erst geklärt werden, wer für welchen Tropfen zuständig ist.
Gießkanne nehmen. Wasser rein. Baum gießen.
Und falls sich trotzdem niemand zuständig fühlt: Frankenstein hilft auch mit. Der gehört schließlich zu Ingolstadt – und wie unser Foto beweist, kann selbst er zur Gießkanne greifen.
Manchmal ist ein Eimer Wasser eben einfach nur ein Eimer Wasser.

