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Das Ende eines Tabus

Wie der Ingolstädter „Darm-Doc“ aus einem verdrängten Thema einen Spiegel-Bestseller machte.

An den Höfen der Antike war die Sache noch selbstverständlich: Leibärzte begutachteten täglich den Stuhl ihrer Herrscher, denn Ausscheidungen galten als verlässlicher Gesundheitsindikator. Mit Aufklärung, Hygienereformen und Kanalisation wanderte der Darm dann hinter verschlossene Türen – aus dem medizinischen Erkenntnisinstrument wurde ein Tabuthema, über das man nicht sprach. Erst seit gut zwanzig Jahren entdeckt die Wissenschaft ihn neu: nicht als simples Verdauungsrohr, sondern als hochkomplexes Organ, das eng mit Immunsystem, Nervensystem und Stoffwechsel verknüpft ist.

Vom Tabu zum Schlüsselorgan

Wie tiefgreifend dieses Organ wirkt, hat Dr. med. Ulrich Selz früh am eigenen Leib erfahren. Der Ingolstädter und sein Bruder litten in Kindheit und Jugend unter massiven Allergien, Blähungen, Bauchschmerzen und Verdauungsbeschwerden. Jahrelang galten sie als „komplexe Fälle“, bis engagierte Ärzte schließlich eine Lösung fanden. Damit war für Selz der Grundstein für seine spätere Berufung gelegt.

Die Faszination für Medizin packte ihn bereits mit zwölf Jahren. Nach Studium und Tätigkeit in der Notfall- und Intensivmedizin führte ihn schließlich ein innovatives Pilotprojekt der LMU München zur Darmmedizin. Dort begegnete er vielen austherapierten Patienten mit chronischen Magen-Darm-Beschwerden. Damit schloss sich der Kreis: Selz machte die Darmgesundheit endgültig zu seinem Lebensthema.

Denn der Darm ist weit mehr als eine Verdauungsstraße. Er besitzt ein eigenes „Gehirn“ mit über 100 Millionen Nervenzellen. Rund 80 Prozent der Informationen fließen dabei vom Darm zum Gehirn, nicht umgekehrt. Auch das Immunsystem sitzt zu großen Teilen hier. Die Forschung entdeckt immer neue Zusammenhänge – zur Haut, zur Stimmung und sogar zu neurologischen Erkrankungen wie Parkinson oder Alzheimer. Ob der Darm Ursache oder Folge ist, wird noch erforscht. Die enge Verbindung gilt jedoch als unbestritten.

Wenn der Bauch Alarm schlägt

Was das für den Alltag bedeutet, merken viele am eigenen Bauch. „Jeder Furz ist einer zu viel“, sagt Selz mit einem Augenzwinkern. Wer jedoch ständig unter Blähungen, Völlegefühl oder Bauchschmerzen leidet, sollte die Beschwerden ernst nehmen. Häufig steckt eine Fehlbesiedelung des Dünndarms (SIBO) dahinter. Viele Betroffene suchen jahrelang nach einer Ursache, obwohl sich ein Verdacht heute mit einem einfachen Atemtest eingrenzen lässt. „Wir leben in einer Zeit, in der diagnostisch so viel mehr möglich ist als in den 80ern“, sagt Selz. „Niemand muss mehr jahrelang im Dunkeln tappen, so wie wir damals.“

Die erste Hilfe ist oft erstaunlich einfach: kleinere Portionen, gründlich kauen und anschließend ein kurzer Spaziergang. Der in Nordamerika populäre „Fart Walk“ regt Verdauung und Stoffwechsel an und kann bereits nach zehn Minuten Wirkung zeigen.

Vom Arzt zum Bestsellerautor

Sein Wissen hat der Ingolstädter im Buch „Der Darm-Doc“ gebündelt. Es sprang nach Erscheinen auf Platz 1 der Spiegel-Bestsellerliste und hält sich seit Wochen in den Spitzenplätzen. Ergänzt wird es durch einen umfangreichen Online-Bereich mit Erklärvideos und Checklisten. Daneben betreibt Selz einen YouTube-Kanal mit inzwischen rund 600.000 Abonnenten – den zweitgrößten deutschsprachigen Kanal eines Arztes –, auf dem er wissenschaftlich fundiertes Gesundheitswissen verständlich vermittelt.

Sein wichtigster Rat bleibt dabei ebenso einfach wie aktuell: möglichst bunt und vielfältig essen und Fertigprodukte meiden. „Je mehr verschiedene Ballaststoffe aus Gemüse, Obst, Hülsenfrüchten, Nüssen und Samen wir essen, desto vielfältiger und gesünder ist unser Darmmikrobiom“, so der Darm-Doc. Fertigprodukte liefern dagegen meist zu viel Fett, Zucker und Salz, aber kaum Ballaststoffe – und fördern eher Entzündungen als einen gesunden Darm.


Übrigens: Dr. Selz empfiehlt den Blick in die Toilettenschüssel: „Eine schnittfeste Banane sollte es sein, glatt geformt und leicht abzusetzen“. Ist der Stuhl zu hart oder zu weich, reichen oft schon der richtige Ballaststoff — etwa geschrotete Leinsamen oder eingeweichte Chiasamen — und mehr trinken, um die Konsistenz spürbar zu verbessern.

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