Eine Zeitreise aus Holz, Lehm und Leidenschaft
Es riecht nach Holz, Lehm und Rauch. Gedämpft fällt das Licht durch die Türen des mächtigen Langhauses. Für einen Moment scheint die Zeit stehen geblieben zu sein. Wer das vorgeschichtliche Erlebnisdorf Alcmona bei Dietfurt betritt, besucht kein Museum im klassischen Sinn. Hier wird Geschichte nicht nur gezeigt – sie wird gebaut, ausprobiert und mit Leben gefüllt. Allein der Name Alcmona führt weit zurück in die Vergangenheit. Er stammt aus dem keltischen Sprachraum und bezeichnet die Altmühl als „stilles Wasser“. Der Fluss prägt die Region seit Jahrtausenden und bot bereits in der Bronzezeit ideale Bedingungen für Siedlungen. Vor rund 3.600 Jahren, in der mittleren Bronzezeit um etwa 1600 vor Christus, lebten hier Menschen, betrieben Landwirtschaft, hielten Tiere, fertigten Werkzeuge und errichteten große Holz-/Lehmhäuser.
Dass diese Epoche heute in Dietfurt wieder erlebbar ist, begann mit einem Zufallsfund. 1998 stießen Archäologen bei den Vorbereitungen für den Bau einer Umgehungsstraße auf die Spuren eines bronzezeitlichen Gebäudes. Erhaltene Holzreste und der Grundriss eines Langhauses mit etwa acht mal zwanzig Metern Größe machten den Fund besonders bedeutend.
Für Horst Meier wurde diese Entdeckung zum Ausgangspunkt einer ungewöhnlichen Idee. Der mittlerweile pensionierte Schulleiter, ehemalige Gemeinderat und Vorsitzende des Fördervereins wollte das Gebäude nicht nur dokumentieren, sondern im Maßstab 1:1 wieder entstehen lassen. „Ein paar Verrückte“ seien es gewesen, die sich dieser Aufgabe verschrieben hätten, erzählt Meier heute mit einem Augenzwinkern. Gemeinsam mit einem Zimmerer aus Dietfurt begann er zu planen. Die erste Unterstützung kam eher symbolisch: Ein örtliches Möbelhaus stellte 100 Euro Startkapital zur Verfügung. Für ein Projekt, das später tausende Arbeitsstunden, unzählige Materialien und viel Fachwissen erforderte, war das natürlich eher ein Zeichen der Ermutigung als eine echte Finanzierung. Aber manchmal beginnt eine große Idee genau damit. Und die Menschen, die daran glaubten, fanden sich. Gemeinde und Bevölkerung unterstützten das Vorhaben, sodass zwischen 2004 und 2009 auf einem gemeindeeigenen Grundstück Schritt für Schritt das bronzezeitliche Langhaus entstand. Fünf Jahre lang arbeiteten die Helfer daran – Sommer wie Winter, an vielen Wochenenden. Horst Meier war nahezu immer dabei. Dabei sollte kein historischer Nachbau um seiner selbst willen entstehen. Ziel war es, möglichst nah an den Erkenntnissen der Archäologie zu bleiben. Wo Funde eindeutige Antworten gaben, wurden diese übernommen. Wo Fragen offenblieben, suchten die Verantwortlichen Lösungen anhand vergleichbarer Fundstellen und historischer Erfahrungen.

Die mächtigen Holzständer stellte die Gemeinde aus dem Stadtwald zur Verfügung. Während in der Bronzezeit meist Eichen verwendet wurden, kam beim Nachbau Fichtenholz zum Einsatz. Die geflochtenen Wände erhielten einen traditionellen Lehmbewurf aus einer nahegelegenen Baugrube, vermischt mit Kuhmist. Auch Stroh, Steine und Schotter stammen aus der Region. Schon während der Bauphase zeigte sich: Alcmona musste mehr werden als ein einzelnes Gebäude. Es entstand ein Ort, an dem Besucher nachvollziehen können, wie Menschen vor mehr als drei Jahrtausenden lebten, arbeiteten und ihre Umwelt nutzten. Geschichte bleibt hier nicht auf Schautafeln beschränkt – sie bekommt wieder eine Form, eine Oberfläche und einen Geruch.

Wie viel Wissen und handwerkliches Können dahintersteckt, zeigt sich in den Details. Rund 10.000 Holzschindeln wurden für das Dach verarbeitet und mit etwa 20.000 Holznägeln befestigt. Verwendet wurden vor allem Lärche, Weißtanne und Fichte. Die dunklen Holzständer im Inneren sind übrigens nicht vom Rauch verfärbt, sondern mit Ochsenblut behandelt, um ihre Haltbarkeit zu verbessern.
Nicht jede Frage lässt sich archäologisch eindeutig beantworten. Gab es Fenster? Wie wurde der Rauch abgeleitet? Wie sah die Einrichtung aus? Deshalb arbeiteten Meier und sein Team mit Vergleichen aus anderen Fundstellen aus dieser Zeit. Auch die Treppe orientiert sich an historischen Vorbildern, unter anderem an einer ähnlichen Konstruktion aus einem Salzbergwerk am Hallstätter See.
Gerade diese Verbindung aus Forschung und praktischer Erfahrung macht den Reiz von Alcmona aus. Die strohgedeckten Nebengebäude orientieren sich ebenfalls an historischen Techniken. Befestigt werden die Dächer mit Schlingen der Waldrebe, deren biegsame Triebe schon früher zum Verbinden genutzt wurden.

Rund um das Langhaus ist inzwischen ein lebendiges Erlebnisdorf entstanden. Im nahegelegenen ehemaligen Schleusenwärterhaus des Ludwig-Donau-Main-Kanals vermittelt ein kleines Museum den Alltag der Bronzezeit. Werkzeuge, Schmuck, Kleidung und Gebrauchsgegenstände zeigen, wie Menschen damals lebten. Besonders eindrucksvoll ist eine rekonstruierte Halskette mit einem Sauzahn als zentralem Element und Verzierungen aus Hechtrückenwirbeln – vielleicht nur Schmuckstück, vielleicht Erinnerung an eine erfolgreiche Jagd.

Auch die ausgestellten Sitzmöbel zeigen die Fähigkeiten damaliger Handwerker. Ein Hocker orientieret sich an Funden aus dem Federseegebiet, ein weiterer Sessel wurde ausschließlich mit Steinwerkzeugen bearbeitet und ohne moderne Verbindungsmittel gefertigt. Gezeigt werden in der Ausstellung auch Silex, also Flintstein, bereits vor rund 10.000 Jahren für Werkzeuge und zum Feuermachen genutzt, verschiedenste Messer mit Birkenpech im Holzgriff verklebt-, Stichwaffen und Speerschleudern sowie Kleidung aus Brennnesselfasern und mit Färberwaid gefärbten Stoffen.

Zum historischen Bild passen auch die Soay-Schafe in einer Stallung des Dorfes. Die ursprünglich von der schottischen Inselgruppe St. Kilda stammende Rasse gilt als eine der ursprünglichsten europäischen Schafrassen. Sie ist genügsam und verliert ihr Winterfell im Frühjahr selbstständig – ein idealer Bewohner für Alcmona.

Dass aus einer Idee ein dauerhaft lebendiger Ort wurde, verdankt sich vor allem dem Engagement des Fördervereins. Mehr als 200 Mitglieder kümmern sich um Bau, Pflege und Weiterentwicklung. Horst Meier, seine Frau Lissy und die Familie gehören bis heute zu den wichtigsten Motoren des Projekts. Unterstützung erhielt Alcmona auch durch rund 100.000 Euro aus der europäischen LEADER-Förderung. Zudem ist das Erlebnisdorf eine von 18 Stationen des Archäologieparks Altmühltal. Über QR-Codes erhalten Besucher zusätzliche Informationen durch einen Audioguide.

Mehr als 3.000 Gäste pro Jahr werden offiziell gezählt – tatsächlich dürften es mehr sein, da Besucher außerhalb von Veranstaltungen oder ohne Vereinsbetreuung nicht erfasst werden. 2026 sind 111 Veranstaltungstage geplant: mit Workshops zu Räucherkräutern, Kräutersalben, Flechten, Kräuterspaziergängen, Musik am Feuer und vielen weiteren Angeboten.
So ist Alcmona längst mehr als ein archäologischer Nachbau. Es ist ein Ort, an dem Vergangenheit wieder erfahrbar wird. Aus der Idee von ein „paar Verrückten“, die einst mit ein paar Euro Startkapital begannen, ist ein beeindruckendes Erlebnisdorf entstanden – getragen von Leidenschaft, Ehrenamt und dem Wunsch, Geschichte lebendig zu halten.
Weitere Informationen sowie das Jahresprogramm finden Sie unter:
https://www.alcmona.de/22340-START.html.

