Tag der Organspende – 6. Juni

Frühe Entscheidungen können Leben retten

Wenn auf der Intensivstation jede medizinische Möglichkeit ausgeschöpft ist, beginnt oft eine der schwersten Aufgaben: Angehörigen zu erklären, dass ein geliebter Mensch nicht mehr gerettet werden kann. Es sind Gespräche, die alles verändern – und die gleichzeitig anderen ein Weiterleben ermöglichen können.

Für Dr. med. Angelika Grünes, Intensivmedizinerin und Transplantationsbeauftragte am Klinikum Ingolstadt, erfordern diese Gespräche besonderes Fingerspitzengefühl. Und dennoch entstehen genau in diesen Momenten neue Hoffnungen – für andere Menschen. „Wir tun uns schwer, dieses Thema anzusprechen“, sagt sie. Denn bis zuletzt geht es auf der Intensivstation um eines: Leben zu retten. Erst wenn keine Aussicht mehr besteht und der Hirntod zweifelsfrei festgestellt wurde, rückt die Organspende überhaupt in den Blick. Dann beginnt ein Wettlauf gegen die Zeit. Ebenso sorgfältig wie zeitnah müssen medizinische Voraussetzungen geprüft, Organe bewertet und Gespräche mit Angehörigen geführt werden – ein Balance-Akt zwischen fachlicher Präzision und menschlicher Empathie.

Zwischen drei und fünf Organe können durchschnittlich einem einzelnen Spender entnommen werden – und damit mehreren Menschen ein Weiterleben ermöglichen. Besonders häufig geht es am Klinikum Ingolstadt um Nierenspenden – ein Thema, das für viele Patienten existenziell ist. Für Prof. Dr. med. Tobias Bergler, Direktor der Nephrologie, ist das Thema eng mit der Lebenswelt seiner Patienten verbunden: Dialyse bedeutet für Betroffene enorme Einschränkungen. Zwölf bis fünfzehn Stunden pro Woche verbringen viele Patienten an der sogenannten „Blutwäsche“. „Bei der Dialyse als Organersatztherapie steht auch die Verhinderung von Folgeschäden im Fokus – insbesondere kardiovaskulärer“, erklärt Prof. Bergler. Möglichst schonend werde bei jüngeren Patienten die Bauchfelldialyse eingesetzt, später oft die klassische Hämodialyse. Die Zahlen zeigen die Dimension des Problems: Rund 100.000 Menschen in Deutschland sind Dialysepatienten, etwa neun Millionen leiden aber an einer Nierenerkrankung. Gleichzeitig warten viele Betroffene acht bis zehn Jahre auf ein passendes Spenderorgan. Dass die Situation besser sein könnte, zeigt der Blick nach Spanien. Dort gilt seit Jahrzehnten eine andere gesellschaftliche Haltung zur Organspende. Während in Deutschland lediglich etwa zehn bis elf Organspender auf eine Million Einwohner kommen, ist die Zahl in Spanien etwa fünfmal so hoch.

Am Klinikum Ingolstadt gibt es jedoch positive Entwicklungen. 2025 wurden dort zehn Organspender registriert, die in Summe 40 Organe gespendet haben – ein deutlicher Anstieg gegenüber 2024. 

Hinter jeder erfolgreichen Transplantation steht ein komplexes System: Die Deutsche Stiftung Organtransplantation organisiert Entnahme und Transport, Eurotransplant koordiniert die Vergabe. Gerade bei Nieren älterer Spender gelingt häufig eine regionale Vermittlung. Viele transplantierte Patienten werden später wieder wohnortnah in enger Kooperation mit den zugehörigen Transplantationszentren in regionalen Kliniken betreut, um ein optimales Patienten- sowie Organüberleben sicherzustellen. Im Vergleich zu Herz-, Leber- oder Lungentransplantationen gilt die Nierentransplantation medizinisch als weniger belastender Eingriff – gleichzeitig zählt jede Minute. „Viele Patienten finden bereits nach sechs bis neun Monaten zurück in ein weitgehend normales Leben“, so Prof. Bergler.

Besonders wichtig sei, so Dr. Grünes im Gespräch, der gesellschaftliche Umgang mit dem Thema. „Es gibt keine Altersgrenzen bei Organspenden“, betont sie. Entscheidend sei allein, dass Menschen sich frühzeitig mit dem Thema auseinandersetzen. Denn im Ernstfall müssen sonst Angehörige entscheiden – oft ohne zu wissen, was der Betroffene gewollt hätte.

Ein stilles Zeichen für die andere Seite dieser Entscheidungen hängt im Klinikum selbst: das Werk der Künstlerin Aline Zell-Schmitt. Es zeigt die „Blume des Lebens“ – und wächst mit jeder Organspende im Klinikum Ingolstadt weiter. Jede neue Blüte steht für ein Leben, das dank einer Spende weitergehen konnte.

Artikel teilen:

Verlinkte Themen: