Psychotherapeutinnen warnen vor den Folgen geplanter Kürzungen

Mehrere Psychotherapeutinnen aus der Region 10 haben sich mit einem Schreiben an die Redaktion gewandt. Darin kritisieren sie die geplante Budgetierung in der ambulanten Psychotherapie und warnen vor längeren Wartezeiten sowie dem Wegfall von Behandlungsplätzen. Wir dokumentieren die Stellungnahme weitgehend im Wortlaut.

Die Anzahl der psychischen Erkrankungen hat sich seit 1990 fast verdoppelt. Suizid ist die häufigste Todesursache bei 15- bis 29-Jährigen in Deutschland. Die Wartezeit auf einen Psychotherapieplatz beträgt im Schnitt über 7 Monate. Die Reaktion der Politik? Honorarkürzungen und katastrophale Einschränkungen, wie die geplante Budgetierung (im Rahmen des GKV-Reformgesetzes), die die ambulante Psychotherapie aktuell massiv gefährden und viele Menschen, die dringend Hilfe bräuchten, alleine lassen. Es droht ein Kahlschlag in der Psychotherapie mit drastischen Folgen für die Patienten.

Die geplanten Einsparungen stellen einen drastischen Einschnitt für die ambulante psychotherapeutische Versorgung dar. Zum einen wird die Budgetierung zu einem Einkommensrückgang auf Seiten der PsychotherapeutInnen von geschätzt 20-30% führen (nach Berechnungen diverser Berufsverbände), so dass sich die Anzahl der Praxen reduzieren wird. Die Budgetierung wird aber auch bedeuten (und hier kommt dann das Problem für die auf Unterstützung angewiesenen Menschen), dass nur noch eine begrenzte Anzahl von Patienten behandelt werden darf, d.h. extrem viele Behandlungsplätze für Patienten werden wegfallen. Ich in meiner Praxis z.B. werde meine Patientenzahl deutlich reduzieren müssen, aktuell gehe ich von 6-8 Patienten weniger pro Woche aus, die ich behandeln kann. Dies wird zur Folge haben, dass sich die leider eh schon viel zu langen Wartezeiten weiter drastisch verlängern werden, was zu Chronifizierung von psychischen Problemen führt, zu mehr Leid bei Betroffenen, deren Familien und Freunden.

Krisen, sowohl globale Krisen, wie die Corona-Pandemie, aber auch wirtschaftliche Krisen allgemein haben schon immer zu einer Zunahme von psychischen Erkrankungen geführt. Durch die Krise in der Automobilindustrie benötigen auch gerade hier in der Region immer mehr Menschen professionelle psychotherapeutische Unterstützung. Konkrete Ängste vor finanziellen Problemen und Arbeitsplatzverlust werden in der therapeutischen Arbeit inzwischen wesentlich häufiger thematisiert als noch vor einigen Jahren.

Wer bei Psychotherapie spart, reduziert keine Ausgaben, sondern erzeugt immense Folgekosten. Eine solche Sparpolitik ist kurzsichtig und widerspricht grundlegenden Prinzipien evidenzbasierter Gesundheitspolitik. Psychotherapie hilft leidenden, kranken Menschen, stabilisiert Familien, schützt Kinder und Jugendliche, senkt gesellschaftliche Folgekosten und stärkt unsere Gesellschaft insgesamt.

Wir Psychotherapeuten wollen die Einschnitte nicht tatenlos hinnehmen. Aus diesem Grund wird nächste Woche eine bundesweite Aktionswoche stattfinden, an der sich auch Ingolstädter PsychotherapeutInnen beteiligen, etwa an Demonstrationen in Berlin oder München.

Weitere Informationen zur bundesweiten Aktionswoche und zu den Forderungen des Aktionsbündnisses Psychotherapie gibt es unter:

https://aktionsbuendnis-psychotherapie.info/

Pressemitteilung Annika Brandl-Psychologische Psychotherapeutin

Foto: KI

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