Ingolstadt? Bitte wenden

Wie Ober- und Unterhaunstadt hinter den Sperrungen verschwanden

Früher fuhr man aus Ober- oder Unterhaunstadt einfach nach Ingolstadt. Heute beginnt die Reise mit einer Grundsatzentscheidung: links an der Baustelle vorbei, rechts durch die Sackgasse oder doch lieber direkt über die nächste Umleitung Richtung Autobahn.

Der „Schneller Weg“ wird umgebaut. Das ist die eine Baustelle. Die vielen anderen Sperrungen, Durchfahrtsverbote und Baustellen rund um Ober- und Unterhaunstadt sind allerdings eigene Projekte. Genau darin liegt derzeit die besondere Qualität der Ingolstädter Verkehrsplanung: Nicht eine Straße ist gesperrt. Gefühlt sind es gleichzeitig alle, die man tatsächlich brauchen würde.

Mal endet die Strecke überraschend vor einem „Durchfahrt verboten“-Schild. Mal wird man durch Wohngebiete geschickt. Mal führt die Umleitung so weit aus der Stadt heraus, dass man kurz prüft, ob das Navi nicht heimlich auf Fernreise umgestellt wurde.

Besonders eindrucksvoll zeigt sich das in Unterhaunstadt. Dort endet eine Umleitung inzwischen an der Autobahnauffahrt Ingolstadt Nord. Verkehrstechnisch ist das zumindest konsequent gedacht: Wer schon nicht mehr vernünftig in die Stadt kommt, kann wenigstens schnell ganz verschwinden.

Auch Eva Bulling-Schröter, Stadträtin der Linken, fragte sich im Gespräch, warum eigentlich alles gleichzeitig gesperrt sein müsse. Eine einfache Frage — und gerade deshalb eine unangenehme. Denn gegen einzelne Baustellen hat kaum jemand etwas. Wenn jedoch mehrere voneinander unabhängige Sperrungen gleichzeitig einen ganzen Ortsteil zur Geduldsprobe machen, stellt sich irgendwann weniger die Frage nach dem Bauprojekt als nach der Koordination.

Wer glaubt, durch Sperrungen werde Verkehr automatisch weniger, darf derzeit in Ober- und Unterhaunstadt praktische Erfahrungen sammeln. Die Autos verschwinden nicht. Sie suchen sich einfach andere Wege — durch Seitenstraßen, Wohngebiete und Schleichrouten, die vorher vermutlich nie für Ausweichverkehr gedacht waren.

Das Ergebnis ist keine Verkehrsberuhigung, sondern eher eine Art kommunales Wasserbett: Drückt man den Verkehr an einer Stelle weg, taucht er an drei anderen wieder auf.

Besonders pikant: Oberbürgermeister Dr. Michael Kern wohnt selbst in Oberhaunstadt. Damit ist immerhin gewährleistet, dass die Verkehrslage nicht nur theoretisch im Rathaus bekannt sein dürfte. Ob er derzeit schneller in die Innenstadt kommt als andere Oberhaunstädter, wäre allerdings eine eigene kleine Verkehrsstudie wert. Oder man greift in Ingolstadt noch einmal eine alte Zukunftsidee auf: das Flugtaxi. Für Ober- und Unterhaunstadt wäre es derzeit womöglich weniger Vision als pragmatische Nahverkehrslösung.

Und wer sich derzeit dennoch auf den Weg Richtung Innenstadt macht, fühlt sich unweigerlich an die Münchner Geschichten erinnert:
„Der lange Weg nach Sacramento.“
Nur dass Sacramento inzwischen erstaunlich oft Ingolstadt heißt.

Mit einem leichten Augenzwinkern geschrieben — die Umleitungen allerdings sind real.

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