Neu-Stadtrat Malik Diao (Die Linke) im Interview
(hk) Malik Diao ist ein echter Schanzer. Er wurde 1999 in Ingolstadt geboren. Nach dem Besuch der Grundschule in Ringsee machte er am Reuchlin-Gymnasium Abitur. Eines seiner Abiturfächer war hier bereits Musik. Nach dem Abitur ging er nach Eichstätt und studierte dort angewandte Musikpädagogik und Musikwissenschaft. Dieses Studium brach er aber kurz vor der Bachelor-Arbeit ab, weil er die Möglichkeit bekam, in Düsseldorf an der renommierten Robert Schumann Hochschule Musik und Medien zu studieren. In Düsseldorf beendete er aber sein Studium nach eineinhalb Jahren, weil er parallel bereits begonnen hatte, Musik für Theaterstücke zu schreiben. Es begann das stressige Leben als Freiberufler. Von 2022 bis 2025 war Diao hauptberuflich für verschiedene Theater tätig: Cottbus, Kassel, Tübingen und auch schon Ingolstadt. Im Frühjahr 2025 hatte der Jazzförderpreisträger der Stadt Ingolstadt (des Jahres 2020) dann einen Burnout. Das führte zum (zumindest vorläufigen) Ende seiner Musikerkarriere. Damals wurde auch seine jetzige Arbeitgeberin als Abgeordnete in den Bundestag gewählt: Sarah Vollath. Sie kandidierte 2025 in Ingolstadt für den Deutschen Bundestag. Über die Liste der Linken zog sie in den Bundestag ein. Diao ist bei Vollath Sachbearbeiter für Kommunikation. Bei diesem 30-Stunden-Job ist die Musik mehr oder weniger „liegen geblieben“.
IN-direkt: Sie machen keine Musik mehr?
Malik Diao: Ich habe die Musik liegen gelassen. Das war eine bewusste Entscheidung. Ich habe mit der Musik auch einiges kaputt gemacht. Zeitweise habe ich wirklich die Lust verloren. Ich habe noch ein letztes Projekt laufen.: Peki Momés. Diese Band macht Türkish City Pop. Wir waren noch bis letzten Monat auf Europa Tour. Aber jetzt habe ich keine musikalischen Projekte mehr.
Sie stehen also nicht mehr auf der Bühne?
Ich muss ganz ehrlich sagen, ich war noch niemand, der gerne live spielt. Musik zu schreiben ist mir schon immer lieber gewesen. Das kann ich auch besser. Der live-Moment auf der Bühne ist nicht das Meine. Man hat als Komponist mehr Möglichkeiten, eigene künstlerische Schwerpunkte setzen, als wenn man auf der Bühne steht.
Politik setzt aber doch auch eine gewisse live-Präsenz voraus.
Das geht natürlich schon, das muss gehen. Ich bin aber kein großer Freund davon, dass Parteien nun einzelne Personen in den Vordergrund stellen. Man hat auch an unserem Wahlkampf gesehen, dass es uns nicht um Einzelpersonen geht, sondern dass wir alle Kandidaten präsentiert haben.
Was sind in dem künftigen Stadtrat ihre politischen Ziele?
Ich habe das große Privileg, dass mir meine Fraktion kulturpolitisch freies Feld lässt. Ich darf also auch im Kulturausschuss arbeiten. Ich habe aber auch das Ziel, mich in den ersten Monaten mit Schul-, und Sozialarbeit zu beschäftigen. In Ingolstadt haben immer noch nicht alle Schulen, insbesondere nicht die Grundschulen, flächendeckend Schulsozialarbeit.
Vieles fällt im Augenblick dem Sparzwang zum Opfer.
Es gibt keine einfachen Lösungen, mit diesen Sparzwang in der Kulturpolitik umzugehen. Aber was gerade läuft, so geht es eigentlich nicht. Da denke ich zum Beispiel an das Altstadt-Theater und an den Hämer-Bau. Ich verstehe durchaus, dass auch im Kulturbereich Kürzungen erforderlich sind. Das betrifft natürlich auch das Altstadt-Theater. Es stellt sich aber die Frage, inwieweit solche Institutionen noch überleben können, wenn man dauernd kürzt. Die können dann irgendwann keinen laufenden Betrieb mehr garantieren.
Sie haben einmal gesagt, Ingolstadt habe kein Ausgaben-, sondern ein Einnahmeproblem. Wie meinen Sie das? Glauben Sie, dass man ohne Kürzungen im Kulturbereich ein genehmigungsfähigen Haushalt hinbekommen?
Ich glaube, dass man weder mit noch ohne Kürzungen einen genehmigungsfähigen Haushalt hinbekommt. Wir streichen da gerade wild durch die Gegend. Ich nehme da mal die Harderbastei als Beispiel. Da erleben wir eine 75-Prozent-Kürzung. Damit kann man nicht mal das Personal halten, geschweige denn Kinder-Kurse anbieten. Am Ende geht es da um 151.000 Euro. Was nicht so viel Geld ist, wenn man an 80 Millionen denkt, die eingespart werden müssen. Es stellt sich dann die Frage, wie viel von diesen freiwilligen Leistungen können wir noch streichen, bis wir die Struktur, die wir dann nicht mehr aufbauen können, zerstört haben.
Glauben Sie, wir kommen ohne Streichungen aus?
Nein, wir kommen nicht ohne Streichungen aus, da sehe ich schon auch so. Wir sind aber mit den Streichungen schon so weit, dass jeder Cent, der jetzt noch genommen würde, die Infrastruktur gefährdet.
Wo würden Sie denn auf der Einnahmeseite ansetzen?
Die Gewerbesteuer, deren Rückgang wohl die ganze finanzielle Misere hauptsächlich verursacht hat, können wir nicht herbeizaubern.
Die Grundsteueranhebung, die der Stadtrat beschlossen hat, finde ich richtig. Wir haben ja im Wahlkampf eine noch größere Anhebung gefordert. Allerdings muss man die Belastungen, die dadurch auf Mieter zukommen, sozial abfedern. In diesem Zusammenhang möchte ich darauf hinweisen, dass die Ingolstädter CSU immer behauptet, sie habe so gute Beziehungen zur Landesregierung. Dann muss man die aber auch mal nutzen. Wir haben als Kommune zu wenig Spielraum, um dieses Finanzloch zu stopfen. Im Grunde sind die Gewerbesteuer, die Parkraumbewirtschaftung und die Grundsteuer die einzigen Steuern, die wir selbst beeinflussen und von denen wir profitieren können. Es müsste sich eben auch der Oberbürgermeister Kern einmal hinstellen und vielleicht eine Vermögenssteuer fordern.
Aber Vermögenssteuer ist doch Bundesgesetzgebung!
Das ist richtig, es soll aber ja an die Kommunen weitergeleitet werden. Mir ist schon klar, dass eine Forderung, vom Freistaat oder vom Bund mehr Geld zu bekommen, kein leichter Weg ist. Ich frage mich aber wirklich, was das Gegenangebot ist, um von den Schulden wegzukommen. In einer Stadt wie Ingolstadt, in der wir nicht mehr sicherstellen können, dass unsere verpflichtende Nachmittagsbetreuung wirklich stattfindet, muss man über neue Einnahmequellen reden. Da muss man auch mal Mut zu neuen Themen haben. Das würde ich mir von den Konservativen der Stadt wünschen.
Wenn wir gerade bei Konservativen sind. Sehen Sie die Gefahr, dass es (natürlich nicht in einer offiziellen Koalition) zu einer informellen Zusammenarbeit zwischen AfD, Freien Wählern und CSU kommen könnte?
Ich hoffe, es kommt nicht so weit. Ich befürchte aber, es wird in den nächsten sechs Jahren so weit kommen. Die CSU hat in den nächsten sechs Jahren immer die Möglichkeit, einen Antrag zu stellen, den SPD und Grüne nicht mittragen und dann wird es auf die Stimmen der AfD ankommen. Und dann ist die Brandmauer gefallen. Der Ball liegt jetzt bei der CSU. Sie muss überlegen, welche Anträge will sie stellen. Sucht sie für ihre Anträge eine Mehrheit ohne die AfD oder lässt sie es drauf ankommen, dass ihre Anträge nur mit Hilfe der AfD durchgehen.
Was würden Sie als Neuling am Stadtrat der vergangenen Jahre kritisieren?
Da geht es für mich immer etwas ganz Grundsätzliches. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass der Stadtrat zwar sagt: „Wir sind bürgernah“. Tatsächlich ist es aber anders. Es kommt nur eine bestimmte Klientel an diesen Stadtrat ran. Es gibt welche, die können ihre Interessen durchsetzen. Die Mehrheit aber nicht. Das muss man breiter denken. Ich will noch mal die Harderbastei als Beispiel nehmen. Wenn ich daran denke, dass über 100 junge Menschen an alle Stadträte geschrieben haben: „Wir wollen und brauchen diese Infrastruktur der Harderbastei.“ Sie sollte von Kürzungen verschont werden. Nicht einer der Stadträte hat überhaupt geantwortet. Das spricht für mich nicht für Erreichbarkeit.
Aber es gibt ja auch noch die Bezirksausschüsse!
Die Bezirksausschüsse sind eine gute Institution, so wie sie sind. Aber ohne den Stadtrat sind Sie letztendlich machtlos. Der Stadtrat muss wachsam bleiben. Es gibt in Ingolstadt eine sehr kleine Bubble an politisch interessierten Menschen. Dabei denke ich gar nicht mal an die Parteien, sondern an politisch Interessierte. Ich denke zum Beispiel an Gruppen wie „Ingolstadt diskutiert“. Obwohl ich manche Leute in dieser Gruppe schwierig finde. Es gibt aber eben sehr wenige Leute, die einen direkten Draht in die Politik haben. Der Rest fällt hinten runter. Dabei denke ich an das Pius-, das Monikaviertel und auch an die Leute, die im Stadtjugendring sitzen.
Ganz andere Frage: Im Gespräch erlebe ich Sie als einen höflichen jungen Mann. Sie können aber offensichtlich auch ganz anders. So haben Sie Horst Seehofer, immerhin inzwischen Ehrenbürger der Stadt Ingolstadt, einmal als „Massenmörder“ bezeichnet. Kann es sein, dass Sie im Stadtrat mal ähnlich agieren, sich jemanden mal vorknöpfen und ähnlich titulieren?
Ich denke sehr viel darüber nach: Für was und wie generiert man Reichweite. In Bayern vertreten wir als Linke eine absolute Randposition. Wir werden einfach pauschal weniger gehört. Da muss man sich überlegen, wie setzt man seine Themen und wie formuliert man. Wie kriegt man mehr Reichweite für seine Themen. Die Formulierung „Massenmörder“ – die ich gebraucht habe, als ich Anfang 20 war, ob dies sinnvoll war, das weiß ich nicht – hat auf jeden Fall dazu geführt, dass es eine Debatte um Horst Seehofer gab. Die gab es davor im Hinblick auf seine Ehrenbürgerschaft nicht. Und wenn sich ein AfD-ler im Stadtrat entsprechend verhält, bin ich auch bereit, ihn „Nazi“ nennen. Notfalls muss ich einen Ordnungsruf kassieren. Wenn sich die AfD im Stadtrat aber einigermaßen demokratisch verhält, dann werde ich nicht meine ganze Kraft darauf verwenden, sie zu attackieren. Ich werde den Stadträten aber nicht die Hand geben, weil es Menschen sind, die mich aufgrund meiner Hautfarbe von vornherein als minderwertig betrachten.
Zum Abschluss: Können Sie vielleicht einmal drei Ziele nennen, die sie als erstes erreichen möchten?
Ich kann Ihnen drei Ziele für die ersten drei Monate nennen: Der erste Antrag, den wir einbringen wollen, ist: Wir wollen eine Toilette für alle. Da geht es nicht um Gender-Debatten oder Queeres. Es gehe geht um Behinderten-Inklusion. Man braucht für so eine Toilette 14 m². Es gibt im Augenblick im ganzen Stadtgebiet keine Toilette für alle, also behindertengerecht. Es gibt schließlich einen Haufen Menschen in Ingolstadt, die auf den Rollstuhl angewiesen sind.
Als Zweites würde ich gern einen Antrag stellen, auf Ausgleich der Wohngeldlücke. In Ingolstadt sind die Mieten sehr hoch. Bei den Transferleistungen ist ein bestimmter Anteil für Miete vorgesehen. Dieser Anteil, also beim Bürgergeld, ist zu klein, um diese hohen Mieten bezahlen zu können. Die Leute müssen einen deutlich höheren Anteil der Transferleistungen in Miete investieren, als das eigentlich gedacht ist. Hier wir eine Lösung finden, um das auszugleichen.
Und drittens hätte ich gern Fotovoltaikanlagen auf allen städtischen Gebäuden.
Wir danken Ihnen für das Interview.
