Menschen in Ausnahmesituationen zu begleiten ist ihre Berufung
An manchen Tagen begegnet einem am Westfriedhof ein überraschendes, fast verwirrendes Bild: Da hat es sich offensichtlich eine Frau auf einer der Sitzbänke vor der Aussegnungshalle auf einer roten Decke mit einer Kanne Tee und einer Dose Kekse gemütlich gemacht. Wenn man genauer hinsieht, findet sich dort auch eine Einladung: „Komm, setz dich zu mir.“
Diese Einladung kommt von der Heilpraktikerin für Psychotherapie und ausgebildeten Trauerbegleiterin Heidi Monika Hohenberger. Seit 1. April 2025 sitzt sie in der Regel jeden ersten und dritten Dienstag im Monat von 10 bis 11.30 Uhr auf der sogenannten Besucherbank und bietet Menschen ihre Zeit und ihr Ohr an. Unabhängig von Alter, Geschlecht oder Herkunft hat jeder die Möglichkeit, mit Heidi ins Gespräch zu kommen.
Es ist auch egal, worüber man reden möchte. Sie nimmt sich Zeit, hat Geduld und – nicht zuletzt wegen ihrer Tätigkeit im Kriseninterventionsdienst – sehr viel Erfahrung mit schwierigen oder gar traumatisierenden Situationen. Manchmal fangen die Menschen einfach nur an, über etwas Belangloses zu reden, und nicht selten endet das Gespräch bei Tod und Trauer.
Denn genau aus diesem Grund hat Frau Hohenberger diesen Ort gewählt, um dort ihr Projekt „Bank der Begegnung“ ins Leben zu rufen: Weil der Umgang mit Tod und Trauer in unserer Gesellschaft häufig gemieden wird, wissen viele nicht, wohin mit diesen Themen, die ihre Situation oft dominieren. Oft finden sie kaum jemanden, mit dem sie über ihren Verlust sprechen können – und darüber, wie sie damit umgehen können.
Daher erschien der lebensbejahenden und freundlichen Frau die Bank im Westfriedhof als perfekter Ort, um Friedhofsbesuchern das Angebot zu machen, ihnen zuzuhören, mit ihnen zu schweigen oder ihr Weinen auszuhalten – selbst wenn der Tod manchmal bereits länger zurückliegt. Denn Trauer ist etwas sehr Individuelles und folgt eigenen Gesetzmäßigkeiten, die sich Außenstehenden manchmal nicht erschließen.
Darf`s ein bisschen mehr Leben sein
Die nach Claudia Cardinal zertifizierte Lebens-, Trauer- und Sterbeamme begleitet Sterbende, Angehörige und Hinterbliebene auf dem Weg, in diesem schwierigen Prozess den größtmöglichen Frieden zu finden und mit der belastenden Situation abschließen zu können. Mit dem Tod kommt oft auch die Frage nach dem Sinn des Lebens und des – oft zu frühen – Sterbens. Die Sterbeamme öffnet einen Raum, in dem Hoffnung und Mut entstehen können. Heidi begleitet die Menschen während der letzten Lebensphase entsprechend ihrem Motto: „Darf’s ein bisschen mehr Leben sein?“
Denn sie ist ein sehr lebensfroher und fröhlicher Mensch. Wenn man immer wieder mit so traurigen Anlässen zu tun hat, erscheint ihre positive Lebenseinstellung auf den ersten Blick vielleicht überraschend. Aber nach Heidis Überzeugung ist es eben genau deswegen so. Dies ist ihr vor allem durch ihre Einsätze im Rahmen ihres ehrenamtlichen Engagements im Kriseninterventionsdienst als Mitglied im Bayerischen Roten Kreuz bewusst geworden: Durch die wiederholte Konfrontation mit traurigen, tragischen oder gar katastrophalen Situationen erlebt sie immer wieder, dass ihr persönliches „heiles“ Leben nicht selbstverständlich ist. Dafür ist sie sehr dankbar. Genau daraus bezieht sie ihre große Lebensfreude und Lebensbejahung, die sie tagtäglich zu genießen versteht.
Wenn Zuhören zur Berufung wird
Der engagierten Frau wurde irgendwann klar, woher ihre Motivation für ihr umfassendes Engagement in Bereichen wie Krisen, Krankheit, Sterben und Tod herrührt. Es war das „vergessene Kind auf der Treppe“ – ein frühes persönliches Erlebnis, das sie nachhaltig prägte und sensibilisierte: Die achtjährige Heidi kam eines Sonntags mit ihrer Mutter von einer Kinderfaschingsparty zurück. Im Treppenhaus trafen sie auf die schwer depressive Großmutter, die sich dort das Leben genommen hatte. Auf die schockierte Mutter kam so vieles zu, dass sie ihre kleine Tochter vollkommen aus dem Blick verlor. Diese saß auf der Treppe neben der erhängten Großmutter und erlebte die Rettungskräfte, den Notarzt, die Polizei und schließlich, wie ihre Oma in den Sarg gelegt und weggebracht wurde. Keiner sah die Not des kleinen Mädchens, das all dem Geschehen um sich herum hilflos ausgeliefert war.
Ein so schockierendes Erlebnis hinterlässt tiefe Spuren. Frau Hohenberger verstand es jedoch, daraus etwas Positives entstehen zu lassen. Die Begleitung von Menschen in Ausnahmesituationen wurde für sie zur Berufung. Daher engagiert sie sich auch ehrenamtlich im Kriseninterventionsdienst, um Betroffenen in solchen und ähnlichen Ausnahmesituationen zur Seite zu stehen. Sie ist so lange für sie da, wie sie sie brauchen – das kann Stunden, Tage, manchmal auch Wochen dauern. Sie hilft ihnen, das Unfassbare zu begreifen und anzunehmen, die nächsten Schritte zu ordnen, Hilfen zu strukturieren und soziale Ressourcen zu aktivieren. Wie wichtig dies ist, zeigen Untersuchungen: Das Risiko posttraumatischer Belastungsstörungen kann verringert werden oder sie treten gar nicht erst auf, wenn in traumatischen Situationen frühzeitig Krisenintervention erfolgt.
Zusätzlich engagiert sie sich als ehrenamtliche Mitarbeiterin im Ingolstädter St.-Elisabeth-Hospiz. Hier bemüht sie sich, den Menschen, die sie in ihren letzten Tagen begleitet, noch möglichst viel Leben und schöne Momente zu vermitteln. Als leidenschaftliche Geschichtensammlerin ist sie an den Biografien der Betroffenen interessiert und liebt es, ihnen zuzuhören, wenn sie in Erinnerungen schwelgen.Heidi Hohenberger versteht sich als Zeitbegleiterin, die einen wichtigen Teil des Weges mitgeht und auch dann zuhört, wenn Worte fehlen.
