„Bei Kindern muss ich das gesamte Leben mitdenken“

Ein Gespräch mit dem Leiter der Kinder- und Jugendchirurgie am Klinikum Ingolstadt

Kinder- und Jugendchirurgie ist ein Fach, das weit über den Operationssaal hinausreicht. Für Dr. med. Micha Bahr, 54, Direktor der Kinder- und Jugendchirurgie am Klinikum Ingolstadt, beginnt jede Entscheidung mit einem weiten Blick: „Bei Kindern muss ich das gesamte Leben mitdenken.“ Was heute medizinisch sinnvoll erscheint, kann langfristige Folgen haben – körperlich, aber auch emotional. Bahr hat sein Studium 1992 in Gießen begonnen, zu einer Zeit, in der im wiedervereinten Deutschland die Facharztweiterbildung eingeführt wurde. Seitdem hat sich vieles verändert. Vor allem die Haltung zur Operation selbst: Wurde früher deutlich häufiger operiert, setzt die moderne Medizin heute auf genaue Diagnose, Beobachten und gezielte Eingriffe. Selbst beim entzündeten Blinddarm wird differenziert entschieden, denn inzwischen ist dieser als wichtiges Reservoir für ein gesundes Mikrobiom erkannt. Auch bei Neugeborenen ist Zurückhaltung geboten: In den ersten Tagen nach der Geburt sollte möglichst nicht operiert werden, da sich der Organismus erst an die neue Lebensrealität außerhalb des Mutterleibs anpasst – etwa durch die Regulierung des Hämoglobins. Fortschritt bedeutet hier nicht mehr Eingriffe, sondern klügere Entscheidungen.

Im Zentrum der Arbeit stehen jedoch nicht nur die Kinder, sondern immer auch ihre Eltern. „Der Weg zum Kind führt über die Eltern“, sagt Bahr – ein Satz, der im Klinikalltag ständig bestätigt wird. Vertrauen ist die wichtigste Grundlage, und es entsteht nur, wenn Sorgen ernst genommen werden. Besonders sensibel ist dabei der Umgang mit Müttern: „Man darf sich nie über die Gefühle der Mütter hinwegsetzen.“ Wer Ängste übergeht, verliert Vertrauen – und erschwert damit auch die Behandlung. Ehrlichkeit ist daher unverzichtbar. Kinder merken sofort, wenn etwas nicht stimmt. Ein Pieks bleibt ein Pieks, und genau so sollte er auch benannt werden. Gleichzeitig verlangt der Umgang mit jungen Patientinnen und Patienten Flexibilität: „Wir müssen in verschiedene Rollen gehen.“ Mal ist Bahr Mediziner, mal Zuhörer, mal Vermittler zwischen Kind und Eltern. Oft sind es kleine Details, die den Unterschied machen – ein Dino auf dem T-Shirt, ein spontaner Witz, ein Moment der Leichtigkeit. Dass Humor eine wichtige Rolle spielt, zeigt auch die Arbeit der Klinikclowns, die regelmäßig die Kinderstation besuchen: „Die Klinik Clowns machen hier einen irre guten Job.“ Sie bringen Lachen dorthin, wo es gebraucht wird, und schaffen so eine Atmosphäre, die Heilung unterstützt.

So unmittelbar die Arbeit ist, so wichtig ist auch die professionelle Distanz. Kinderchirurgie bedeutet emotionale Nähe, aber sie darf nicht überwältigen. „Man hilft den Kindern nicht, wenn man sie gedanklich mit nach Hause nimmt“, sagt Bahr. Deshalb bleibt vieles bewusst im Klinikum – getragen von einem Team, auf das er sich jederzeit verlassen kann. Fünf Medizinerinnen und Mediziner sowie erfahrenes Assistenzpersonal sichern die Versorgung, auch wenn er einmal nicht vor Ort ist. Die Spannweite der Patientinnen und Patienten ist enorm: operiert wird ab einem Frühchengewicht von weniger als 500 Gramm, teilweise schon ab der 22. Schwangerschaftswoche, bis hin zum jungen Erwachsenenalter von 18 Jahren. Rund 15 Operationen pro Woche gehören zum Alltag. Deutschlandweit gibt es nur etwa 600 Kinder- und Jugendchirurgen – sie arbeiten in einem spezialisierten Fachgebiet. Jeder Eingriff bringt eine große Verantwortung mit sich. Und doch bleibt bei aller Technik und Präzision ein zutiefst menschlicher Antrieb. Oder, wie Bahr es formuliert und auf vielen Roll-Ups im Klinikum zu lesen ist: „Für dieses Lachen arbeiten wir.“

Artikel teilen:

Verlinkte Themen: