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Das Klimaziel 2035 geht uns alle an

Stellungnahme Klimabeirat zu den Stadtratsanträgen von AfD, JU/FDP und FW -Klimabeirat 28.01.2026-

Erneut liegen Anträge vor, die das beschlossene Klimaziel infrage stellen. Und dies, obgleich der Stadtrat der Stadt Ingolstadt im Juni 2022 mit überwältigender Mehrheit eine Reduktion der Treibhausgasemissionen im Stadtgebiet um mindestens 90% bis 2035 gegenüber 2019 beschlossen hat.

Die Bürgerinnen und Bürger unserer Stadt, die Unternehmen, die Verwaltung sowie die Vereine und Verbände brauchen und wollen eine verlässliche Politik, die zu dem steht, was sie beschlossen hat. Es geht schließlich um die Organisation unseres Alltags, eine funktionierende und lebenswerte Stadt und nicht zuletzt um die Lebensqualität kommender Generationen. Dabei geht es um mehr als Zahlen, Fristen und vor allem Parteipolitik. Gerade im Vorfeld von Wahlen können kurzfristige politische Bewertungen an Bedeutung gewinnen. Angesichts der drohenden Folgen des Klimawandels würde uns dies jedoch als Instrumentalisierung und nicht als an Rationalität orientiertes zukunftsfähiges politisches Handeln erscheinen. Der Klimabeirat hofft sehr, dass das ernste Thema Klimawandel hier nicht auf solch wahlstrategische Weise genutzt wird. Es würde der Herausforderung nicht gerecht und stünde den politisch Verantwortlichen schlecht zu Gesicht.

AfD, Freie Wähler und die JU/FDP stellen das beschlossene Ziel erneut in Frage. Die AfD möchte sich vom beschlossenen Ziel ganz verabschieden, die anderen die Klimaneutralität auf 2045 aufschieben, anstatt gemeinschaftlich, zuversichtlich und planvoll in Bayern und Deutschland voranzugehen. Klimaschutz ist kein Luxus, kein Add-On, kein Teil eines Stadt-oder Unternehmensmarketing, kein Nice-to-have, sondern eine Frage von Verantwortung, Vorsorge und Generationengerechtigkeit. Viele Menschen spüren bereits heute, dass sich etwas verändert: Gesundheit, längere Hitzeperioden, trockene Sommer, Belastungen für Stadtgrün und Infrastruktur. Diese Entwicklungen machen nicht an Parteigrenzen halt – sie betreffen Familien, Seniorinnen und Senioren, Berufstätige, Unternehmen gleichermaßen.

Ein klares Klimaziel ist kein Selbstzweck

Das Klimaziel 2035 ist ein Orientierungspunkt: für Bürgerinnen und Bürger, die über eine neue Heizung nachdenken; für Hausbesitzer, die sanieren wollen; für Betriebe, die investieren; für Stadtwerke, Handwerk und Wohnungswirtschaft. Ein klares Klimaziel schafft Handlungssicherheit und die Stadt wirkt aktiv mit, z.B. mit der neuen Beratungseinrichtung in der Moritzstraße, in der man sich zu Gebäudesanierung, Fördermitteln, Photovoltaikanlagen beraten lassen kann. Prokrastination oder die Aufgabe des Ziels bremst – ein ambitioniertes, aber schaffbares Ziel, motiviert!

Zwischen 2019 und 2023 konnten die Treibhausgasemissionen um rund 18 Prozent gesenkt werden. Das wurde durch den Ausbau von Photovoltaik, Wärmepumpen, Fernwärme und Ladeinfrastruktur in gemeinsamer Anstrengung von Stadt, Bürgerschaft und Wirtschaft erreicht. Dies zeigt: Klimaschutz passiert nicht irgendwann – Er passiert jetzt! Und er schafft zugleich die Grundlage für wirksame Klimaanpassung und eine klimaresiliente Stadt.

Es gibt keinen Grund die Ingolstädter Bevölkerung auszubremsen und zu verunsichern. Unsere Unternehmen planen mit diesem Ziel, wollen investieren, wollen die bereitstehenden Fördergelder. Sollen sie sich abermals fragen: „Soll ich jetzt investieren – oder soll ich lieber warten? Lohnt sich eine umfassende Lösung – oder reicht erst einmal ein Provisorium?“ Abwarten kostet am Ende mehr Geld. Führende Umweltökonomen und -ökonominnen sind sich weitgehend einig: Die langfristigen Kosten von Klimafolgen und Klimaanpassung übersteigen die Kosten konsequenten Klimaschutzes deutlich1. Werden Maßnahmen halbherzig umgesetzt, muss später nachgebessert werden. Ein konsequenter Weg ist langfristig meist günstiger als viele kleine Umwege. Anstelle von Stückwerk braucht es konsequente Umsetzung, eine Verschiebung signalisiert Inkonsequenz.

Klimaschutz beruht auf naturwissenschaftlichen Erkenntnissen, nicht auf Ideologie

Eine Verschiebung der Klimaziele vermittelt den Eindruck, dass Klimaschutz verhandelbar, aufschiebbar und im Zweifel verzichtbar ist. In der wissenschaftlichen Fachliteratur herrscht eine Übereinstimmung von über 99 %, dass der Klimawandel vom Menschen verursacht worden ist. 2 Das Klimaziel 2035 ist kein ideologisches Ziel, wie es die Freien Wähler interpretieren, sondern kann durch einen breiten Konsens in der Wissenschaft begründet werden und ist ein enorm wichtiger Teil einer gesamtgesellschaftlichen Verantwortung. Die Freien Wähler behaupten weiter, dass „der einfache gesunde Menschenverstand bei den allermeisten Bürgerinnen und Bürgern zurecht Unverständnis und inneren Protest auslöst.“ Der Klimabeirat hingegen geht davon aus, dass die Ingolstädter und Ingolstädterinnen einen gesunden Menschenverstand haben, diesen gebrauchen und in ihrer großen Mehrheit durch und durch verantwortungsvolle Menschen sind. Die AfD geht von bereits laufenden „vorgegebenen Drosselung des Energieverbrauchs“ aus und befindet sich damit nicht mehr im Bereich des sachlich Diskutablen.

Dem Antrag der JU/FDP stimmen wir in Teilen uneingeschränkt zu: Dort heißt es: „Ohne wirksamen Klimaschutz steigen langfristig die Kosten für Schäden, Anpassungsmaßnahmen und Gesundheitsversorgung erheblich. Gleichzeitig ist Klimaschutz auch Gesundheitsschutz: Weniger Luftschadstoffe, geringere Lärmbelastung und eine klimagerechte Stadtplanung verbessern das Wohlbefinden der Menschen. Darüber hinaus bietet Klimaschutz wirtschaftliche Chancen, etwa durch Innovationen, neue Arbeitsplätze und regionale Wertschöpfung in den Bereichen erneuerbare Energien, Energieeffizienz und nachhaltige Mobilität.“ Lasst uns gemeinsam anpacken und das Ziel 2035 schon erreichen. Ingolstadt geht voran!

Klimaschutz braucht Rückenwind

Viele Ingolstädterinnen und Ingolstädter haben bereits Entscheidungen getroffen, ihren Lebensstil verändert, Geld investiert, auf grünen Strom umgestellt, ihr Mobilitätsverhalten und Essgewohnheiten (z.B. Fleischverzicht) verändert oder energetisch saniert. Ein ambitioniertes Klimaziel gibt diesen Menschen Rückenwind und signalisiert: Euer Engagement zählt! Klimaziele sind keine Symbolpolitik. Sie sind der Startschuss für konkrete Investitionen, Planungen und Entscheidungen. Wo Ziele aufgeweicht werden, verlangsamt sich die Umsetzung – und genau das können wir uns beim Klimaschutz nicht leisten. Es geht um die Frage, wie lebenswert Ingolstadt in zehn, fünfzehn oder zwanzig Jahren für uns alle sein kann. Eine Verschiebung auf 2045 würde nicht nur Emissionen verlängern, sondern auch Kosten, Unsicherheit und gesellschaftliche Ermüdung. Entscheidend ist nicht nur das Ziel, sondern der Weg dorthin, da die kumulierten Emissionen über die Stärke der Erwärmung entscheiden. Ein regelmäßiges Monitoring ermöglicht es, Entwicklungen frühzeitig zu erkennen und gezielt zu reagieren. Der Klimabeirat bringt es mit einem alten Sprichwort auf den Punkt: „Die beste Zeit, einen Baum zu pflanzen, war vor 20 Jahren. Die zweitbeste Zeit ist jetzt.“ Am Klimaziel 2035 festzuhalten, heißt nicht, alles perfekt zu können. Es heißt, den Kurs beizubehalten, Verantwortung zu übernehmen und gemeinsam Schritt für Schritt voranzugehen. Damit Ingolstadt nicht stehen bleibt – sondern sich weiterbewegt! Verzögerungen haben ihren Preis.


Pressestelle – Klimabeirat – Lena Maly-Wischhof

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