Sepp Maier bringt Neuburg zum Lachen und Nachdenken
Ein Abend wie ein gutes Fußballspiel: zwei Halbzeiten, Nachspielzeit – und ganz viel Gefühl dazwischen. Im ausverkauften Kolpinghaus-Festsaal in Neuburg an der Donau sitzt man dicht an dicht, über 400 Menschen, erwartungsvoll, gespannt. Dann betritt er die Bühne: Sepp Maier. 82 Jahre alt, quicklebendig, mit diesem verschmitzten Lächeln, das sofort klarmacht – heute wird nicht nur erinnert, sondern genossen. Gemeinsam mit dem Moderator Tobias Bücklein der Portraitshow nimmt Maier sein Publikum mit auf eine Reise durch eine, nein: seine Fußballzeit, „als der Fußball noch Charakter hatte“ – so auch der Untertitel seines Buches. Und schnell wird klar: Dieser Satz ist keine Floskel, sondern Programm.

Begonnen hat alles überraschend unspektakulär – als Stürmer beim TSV Haar. Doch ein „Vergleichskampf“ in Salzburg zwang ihn ins Tor. Ein halbes Jahr später: FC Bayern München. Der Rest ist Fußballgeschichte. Bereits 1965 steigt er mit Bayern in die Bundesliga auf, mit 21 Jahren ist er Stammkraft. Und bleibt bis zum Schluss und aus Überzeugung: „Warum hätte ich von einer der besten Mannschaften Europas weggehen sollen?“

Maier erzählt das nicht pathetisch, sondern trocken, oft mit einem Augenzwinkern. Etwa, wenn er seine Ehe mit der von Lothar Matthäus vergleicht: Während er Silberhochzeit feiert, habe Matthäus „in der Zeit schon 25 Mal geheiratet“. Der Saal lacht – und merkt: Hier spricht einer, der sich selbst nicht zu ernst nimmt. Zwischen den Pointen blitzen große Momente auf. Der WM-Triumph 1974 gegen die Niederlande – eigentlich, so Maier, ein 3:1, wäre da nicht ein aberkanntes Tor von Gerd Müller gewesen. Oder das EM-Finale 1976, als Uli Hoeneß im Elfmeterschießen den Ball in den Abendhimmel drosch, „den suchen sie heute noch“.

Auch abseits des Platzes wird es lebendig: Diskonächte mit Franz „Bulle“ Roth, mit ihm anschließend nächtliche Rettungsaktionen aus Baugruben und Trainer wie Udo Lattek, den Maier als zwölften Mitspieler und Freund bezeichnet. Andere kommen weniger gut weg – auch das gehört zu einem Abend, der nichts beschönigt. Berührend wird es, als Maier vom Einschnitt seines Lebens erzählt: dem schweren Autounfall 1979. Aquaplaning, ein beinahe tödlicher Moment, eine siebenstündige Operation. 442 Bundesligaspiele am Stück – abrupt beendet. Doch auch danach verliert Maier nicht seinen Humor. Erfindungsreich bleibt er auch im Nebenberuf: Mit einer Kredit-Unterstützung des FC Bayern baut er sich in Anzing eine Tennishalle – und verdient zeitweise mehr als im Fußball. Ein Seitenhieb auf die heutige Zeit folgt prompt: „Früher verdiente ein Profi das Dreifache eines Handwerkers, heute das Tausendfache“. Ein Satz, der nachhallt.
Musikalisch wird es ebenfalls: Gemeinsam mit Moderator Tobias Büchlein stimmt Maier ein Lied von Udo Jürgens an – eine Hommage an den „Mann mit der Mütze“, seinen langjährigen Bundestrainer Helmut Schön. Nach Maiers Worten ein sensibler Mann, den vor wichtigen Spielen regelmäßig die Nervosität aufs stille Örtchen trieb.
In den Siebzigern sind auch Maiers prägendste Jahre als Nationaltorhüter: Weltmeister 1974, Europameister 1972, Finalteilnehmer 1976 – stets als verlässlicher Rückhalt einer goldenen Generation. Parallel dazu entwickelt er sich beim FC Bayern München zur Identifikationsfigur. Unter Trainern wie Udo Lattek feiert er große Erfolge, wird als Torhüter dreimal Fußballer des Jahres und prägt eine Ära, an die sich wohl aus dem Publikum sehnsüchtig erinnern. Lattek, so Maier, sei nicht nur ein exzellenter Taktiker gewesen, sondern vor allem ein Menschenfänger. Weniger schmeichelhaft erinnert er sich an andere Stationen und Wegbegleiter. Einen früheren Coach bezeichnet er rückblickend als „das größte A…“ seiner Karriere – ein Satz, der zeigt, dass Maier auch Jahrzehnte später kein Blatt vor den Mund nimmt.

Nach dem abrupten Karriereende 1979 kehrt er schließlich in neuer Rolle zurück: als Torwarttrainer. Über 14 Jahre arbeitet er beim FC Bayern und formt unter anderem Oliver Kahn zum Weltklasse-Keeper. Vielleicht ist es genau das, was bleibt: kein Mythos, kein Denkmal – sondern ein Torwart, der bis heute hält, was viele längst verloren haben: Haltung. Und am Ende steht kein Ergebnis auf der Anzeigetafel – sondern das Gefühl, dass Fußball einmal mehr war als ein Geschäft. Und dass einer wie Sepp Maier es nie vergessen hat.
Zum Schluss: Autogramme, Fotos, Gespräche. Nachspielzeit, wie sie sein soll.



