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Wenn der Gartenzwerg plötzlich unterwegs ist 

Die Freinacht und der alte Zauber der Walpurgisnacht

Am Morgen danach steht vieles nicht mehr dort, wo es am Abend zuvor zurückgelassen wurde. Der Gartenzwerg ist verschwunden, die Bank lehnt am Maibaum, und der Blumentopf hat über Nacht offenbar den Drang verspürt, ins Zentrum des Dorfgeschehens umzuziehen. Wer also in der sogenannten Freinacht vom 30. April auf den 1. Mai seine bewegliche Habe allzu sorglos draußen stehen lässt, bekommt bisweilen eine kleine Lektion in Brauchtum, Nachbarschaft und stiller Schadenfreude. Denn die Freinacht lebt von jener Lust am Schabernack, die Unordnung stiftet, ohne gleich bösartig werden zu müssen.

Ganz ohne Grenzen ist der Spaß allerdings nicht. Dort, wo aus Neckerei Sachbeschädigung, Diebstahl oder gar Gefährdung wird, hört der Brauch auf. Zwischen einem weggetragenen Gartenstuhl und einem demolierten Zaun liegt eben nicht nur ein rechtlicher, sondern auch ein kultureller Unterschied. Die Freinacht ist kein Freibrief, sondern ein Brauch, der nur so lange funktioniert, wie Maß und Augenzwinkern gewahrt bleiben.

Und doch ist diese Nacht weit älter als jeder fortgeschleppte Gartenstuhl. Hinter der Freinacht steht die Walpurgisnacht, die heute vor allem mit Hexen, Feuern, Tanz und Frühlingsbrauch verbunden wird. Ihr Name geht auf die heilige Walburga zurück, eine angelsächsische Missionarin des 8. Jahrhunderts. Ihr Gedenktag fiel auf den 1. Mai. So verband sich ihr Name im Lauf der Zeit mit älteren Bräuchen, die ohnehin rund um dieses Datum gepflegt wurden.

Die Nacht selbst ist also älter als die Heilige – doch ihr Name blieb an ihr haften. Feuer, Lärm und Rituale sollten einst Unheil fernhalten, den Winter vertreiben und die helle Jahreszeit begrüßen. Später kamen düstere Vorstellungen von Hexen und Dämonen hinzu. Besonders die Literatur, allen voran Goethe mit seinem Faust, hat das Bild der Walpurgisnacht als Nacht des Spuks und der wilden Versammlungen nachhaltig geprägt.

Das Bild, das viele heute von dieser Nacht haben, ist deshalb kein unverändert überliefertes Ritual aus grauer Vorzeit, sondern eine eigentümliche Mischung aus christlichem Gedenktag, altem Frühlingsbrauch, Volksglauben und dichterischer Fantasie. Vielleicht liegt gerade darin ihr besonderer Reiz: dass sie ein wenig nach Rauch, ein wenig nach Spuk und ein wenig nach dörflicher Logik riecht. Und dass sie am Morgen danach sehr zuverlässig zeigt, wer am Vorabend vergessen hat, seine Sachen rechtzeitig wegzuräumen. (HaGa)

Foto: freepic

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