Jahre nach der Schließung wird im ehemaligen Galeria Kaufhof in Ingolstadt jetzt das Inventar verkauft. Zwischen Kleiderständern, Vitrinen, Schaufensterpuppen und kuriosen Resten zeigt sich, was von einer einst großen Kaufhauswelt noch übrig ist.
Reges Interesse herrschte schon am Morgen beim Ausverkauf im ehemaligen Galeria Kaufhof Gebäude in Ingolstadt. Wer an diesem Tag durch die drei Etagen ging, traf nicht auf einen klassischen Schlussverkauf. Keine Wühltische mehr, keine Restposten, keine letzte Jagd auf Ware. Verkauft wurde das, was nach Jahren der Schließung noch übrig geblieben ist: Kleiderständer, Schmuckvitrinen, Schuhständer, Mittelraummobiliar, Regalsysteme, Stühle, Schaufensterpuppen und allerlei Reste aus dem Innenleben eines Kaufhauses.



Schon ein Blick auf die Autokennzeichen zeigte, dass die Besucher nicht nur aus Ingolstadt kamen. Auch aus München, Pfaffenhofen und dem Oberland waren Interessierte angereist. Viele schlenderten durch das Gebäude, als könne man hier nicht nur Mobiliar kaufen, sondern auch noch einmal besichtigen, wie sich eine Kaufhausära in ihre Einzelteile auflöst.
Dabei waren die Ideen, wofür die Stücke künftig verwendet werden sollen, oft deutlich lebendiger als das Haus selbst. Im Gespräch erzählte eine Frau aus Ingolstadt, ihre Familie wolle sich einen Partykeller einrichten. Also zog man los – und wurde fündig. Was früher Verkaufsfläche strukturierte, soll nun offenbar zum Feiern dienen. Auch das ist eine Form der Nachnutzung.
Ein Ehepaar war auf der Suche nach zehn gleichen Stühlen für Büroräume. Der Blick fiel dabei auf Mobiliar aus dem ehemaligen Gaststättenbereich. Es wurde geprüft, verglichen, überlegt. Was einst für Kaufhausgäste gedacht war, könnte nun im Büro eine zweite Karriere beginnen.



Am Ausgang lud eine Familie aus Pfaffenhofen Metallmobiliar auf einen Anhänger. Auf die Frage, wofür die Teile gedacht seien, kam die Antwort prompt: Daraus solle eine Outdoorküche gebaut werden. Auch das passte erstaunlich gut zu diesem Tag. Das Kaufhaus verschwindet nicht einfach, es lebt in eigenwilligen Formen weiter – im Partykeller, im Büro oder künftig vielleicht zwischen Grill und Arbeitsplatte im Garten.
Besonders deutlich wurde das im Bereich des früheren Restaurants. Über den leeren Etagen hing noch immer der Hinweis auf das DINEA in der vierten Etage, dazu der Satz: „Essen ist fertig!“ An diesem Tag allerdings blieb auch dort die Küche kalt. Statt Mittagessen gab es nur noch das Inventar des Betriebs: Stühle, Tische, Tabletts und Tablettwagen. Das Kaufhaus servierte nichts mehr – außer seiner eigenen Inneneinrichtung.



Dazwischen lagen und standen Bilder, die diesen Ausverkauf mehr erzählten als jede Preisliste. Ein großer Nikolaus aus Kunststoff lag auf dem Boden, als hätte er beschlossen, sich nach all den Jahren jetzt ebenfalls nicht mehr zu erheben. In einer anderen Ecke hingen und lagen halbe Körper von Schaufensterpuppen herum: glatte Arme, torsogleiche Rümpfe, beinlose Reste makelloser Verkaufsästhetik. Das hatte etwas unfreiwillig Komisches und zugleich etwas ziemlich Treffendes. Selbst die Schaufensterwelt war hier nur noch fragmentweise zu haben.



Besonders hängen blieb auch ein rotes, handgeschriebenes Schild mit der Aufschrift: „Merkur, Horten, Kaufhof, Galeria – 42 Jahre mein Bestes gegeben, jetzt steh ich auf der Straße.“ Ob es tatsächlich von einem früheren Mitarbeiter stammt oder jemand dem Haus auf diese Weise eine Stimme geben wollte, lässt sich nicht sagen. Der Satz traf dennoch einen Nerv. Zwischen Metallgestellen, Puppenteilen und leeren Regalen stand plötzlich nicht mehr nur Inventar im Raum, sondern auch die Erinnerung daran, dass Kaufhäuser nicht nur Verkaufsflächen waren, sondern Arbeitsorte, Alltagsorte und für viele ein selbstverständlicher Teil der Innenstadt.
Gerade darin lag die eigentliche Pointe dieses Ausverkaufs. Was früher bloß Kulisse war, rückte nun in den Mittelpunkt. Dinge, die jahrelang kaum jemand beachtet hatte, weil sie nur Ware trugen, Preise hielten oder Laufwege ordneten, wurden plötzlich selbst zur Hauptsache. Für 20 Euro pro Stück wechselten die letzten Reste eines Systems den Besitzer, das einmal Größe, Auswahl und Innenstadtversprechen verkörperte.



Am Ende ist dieser Inventarverkauf mehr als bloße Verwertung. Er ist die verspätete, sehr handfeste Schlussnote einer Geschichte, die in Ingolstadt schon seit Jahren beendet ist. Jetzt wird sie ausgeräumt, verladen und mitgenommen – als Bürostuhl, als Partykellerfund, als Outdoorküche. Und irgendwo dazwischen liegt ein schlafender Nikolaus und bewacht den Rest.

