Die Premiere der neuen Produktion aus Leni Brem-Keils Feder hätte kaum besser terminiert sein können: im Kontext des Fem*Festivals und in zeitlicher Nähe zum Internationalen Frauentag am 8. März – einem Tag, an dem weltweit Frauenrechte und Gleichstellung thematisiert und eingefordert werden, etwa gleiche Rechte und Chancen, Schutz vor Gewalt, gleiche Bezahlung, faire Aufteilung von Sorgearbeit, politische Teilhabe und Selbstbestimmung.
Manche behaupten, Gleichberechtigung sei längst erreicht, Frauen stünden alle Wege offen – und wenn sie diese nicht nutzten, liege das ausschließlich an ihnen: an Zögerlichkeit, mangelndem Zutrauen oder daran, dass sie Verantwortung in Führungspositionen nicht tragen wollten. Wer so argumentiert, sollte „Eine von uns“ sehen.
Denn selbst wenn man sich für aufgeklärt und informiert hält, trifft einen die Wucht der Fakten, die in der Lesung auf den Tisch kommen. Zwei junge Frauen sind am Ende ihrer Geduld: Proteste, Diskussionen, Empowerment – das Versprechen von Gleichberechtigung hat sich für sie noch immer nicht eingelöst. Und es wirkt nicht so, als würde sich das in naher Zukunft grundlegend ändern. Also wollen sie die Dinge selbst in die Hand nehmen: Sie entführen eine einflussreiche Politikerin, in der Hoffnung, so den notwendigen Druck für Veränderungen zu erzeugen.



Was sich in den Gesprächen zwischen den Entführerinnen und der Entführten entfaltet, ist ernüchternd. Es geht um strukturelle Realitäten, um Gewalt, um Verantwortung – und um die Frage, wie viel Leid eine Gesellschaft hinnimmt, ohne konsequent gegenzusteuern. Die Fülle der Aspekte sprengt jeden Rahmen; stellvertretend nur ein Beispiel: Studien schätzen die gesellschaftlichen Folgekosten häuslicher und sexualisierter Gewalt gegen Frauen in Deutschland auf rund 54 Milliarden Euro pro Jahr – das entspricht etwa 148 Millionen Euro pro Tag!!!
Auch die Dimension tödlicher Partnerschaftsgewalt wird deutlich: In Deutschland versucht statistisch gesehen jeden Tag ein Mann, seine (Ex-)Partnerin zu töten; an jedem dritten Tag gelingt es. Das ist kein Randphänomen, sondern eine Realität, die oft im vermeintlich sichersten Raum stattfindet – in den eigenen vier Wänden. Und die Lesung zeigt: Wegsehen kostet, menschlich wie gesellschaftlich. Entsprechen macht die entführte Politikerin den jungen Frauen klar, dass selbst diese Zahlen zeigen, wie gering Gesundheit und Leben von Frauen noch immer gewichtet werden – und dass sich daran auch dann nichts ändert, wenn es „die Falsche“ trifft, etwa eine prominente Person. Zugleich betont sie die Grenzen staatlichen Handelns: Der Staat dürfe sich nicht erpressbar machen.
Natürlich wäre es nicht Leni Brem-Keils Werk, wenn nicht noch ein überraschender Twist eingebaut wäre – der hier selbstverständlich nicht verraten wird.
Es mag nach einem schweren, belastenden Theaterabend klingen. Das Gegenteil ist der Fall: Die junge Autorin und Regisseurin schafft es erneut, harte Realität mit einer besonderen Leichtigkeit zu verbinden – aufklärend, aber zugleich sehr unterhaltsam. Absolut sehenswert. Weitere Termine: 13. März und 8. Mai. (HaGa)

