Die im Dunkeln sieht man nicht

Petra Willner – eine tragende Säule der Ingolstädter Tafel.
Verantwortung, Teamgeist und eine Aufgabe, die immer größer wird

Einstieg ins Ehrenamt

Die erste Begegnung mit der Tafel – damals an der Franziskanerkirche – kam vor 24 Jahren für Petra Willner zum perfekten Zeitpunkt: Die Tochter ging zur Schule, der Mann war viel unterwegs, sodass sie Zeit für etwas Neues hatte. Als bei der Mitgliederversammlung das Amt des Schatzmeisters zu besetzen war, sagte die junge Frau zu, obwohl sie bis dahin keine buchhalterische Erfahrung besaß.

Der Unterstützungsbedarf der Menschen wuchs stetig. Deshalb folgte 2008 der Umzug in die Proviantstraße. Allerdings sind die 300 Quadratmeter inzwischen längst auch wieder zu klein, denn die Zahl der Bedürftigen stieg inzwischen von anfangs 400 auf 2900.

Damit alles optimal läuft, investiert Willner, inzwischen Vorsitzende, wöchentlich 35 bis 40 ehrenamtliche Stunden mit viel Engagement und Herzblut, denn nach der Arbeit in der Einrichtung selbst gilt es noch Mails zu beantworten, Netzwerke zu pflegen und Spenden zu akquirieren. Auch wenn es viel Arbeit ist, kommt für sie auch viel zurück: Dankbarkeit, Rückhalt aus dem Team und das Gefühl, einen wichtigen gesellschaftlichen Beitrag zu leisten.

Alltag, Logistik und Verantwortung

Bei der Ingolstädter Tafel arbeiten 120 Ehrenamtliche. Sie geben jede Woche alles, um dem eigenen Anspruch und den zahlreichen Auflagen gerecht zu werden: Bei rund 40 Lebensmittelgeschäften, Bäckereien und weiteren Betrieben wird Woche für Woche Ware abgeholt. Dann folgt die Logistik: abholen, sortieren, kühlpflichtige Waren korrekt lagern, Hygiene einhalten, Arbeits- und Ladensicherheit gewährleisten, Datenschutz beachten – und das alles im Ehrenamt.

Wer meint die Ausgabe beschränke sich auf „Tüten packen“, unterschätzt auch den Aufwand. Denn oft sind es zusätzliche Kleinigkeiten, die zählen: Der eine kann nur noch Semmeln essen, nicht mehr Brot. Der andere verzichtet aus religiösen Gründen auf bestimmte Produkte. So soll jede Tüte nicht nur voll, sondern auch individuell zusammengestellt werden.

Zu all den Aufgaben kommt viel Verantwortung in der Leitung: Trotz Versicherungen bleibt ein Restrisiko, im schlimmsten Fall auch persönlich zu haften. Dazu kommt ein weiterer Faktor: Entscheidungen können einen Shitstorm nach sich ziehen, der zusätzlich belastend ist. Umso wichtiger ist es den Zusammenhalt im Team zu pflegen. Das erreicht man durch eine wertschätzende Kultur, in der sich jeder wohlfühlt und man auch manches gemeinsam unternimmt. 

Hilfe, die auch zu den Menschen kommt

Besonders beschäftigt Willner die Situation älterer Menschen, die lediglich von einer Mindestrente leben und irgendwann aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr zur Ausgabe kommen können. Aus diesem Grund suchte man Kooperationen mit dem Malteser Hilfsdienst, Betreuungseinrichtungen, Kirchen und Nachbarschaftshilfen. Es wurde ein Lieferservice aufgebaut, der 110 ältere Menschen zu Hause versorgt. Im vergangenen Jahr schaffte man ein Lastenfahrrad an, um im Stadtgebiet die Auslieferung zu ermöglichen

Wenn der Bedarf steigt und die Mittel sinken

Die Entwicklung ist besorgniserregend: Die Zahl der Unterstützten steigt kontinuierlich, und gleichzeitig gehen die Lebensmittelmengen, die zu verteilen sind, zurück. Dazu kommen laufende Kosten für Versicherungen oder Rücklagen für Ersatzbeschaffungen, die jedes Jahr neu gestemmt werden müssen. Und während der Bedarf steigt, sinkt das Spendenaufkommen. Das bedeutet noch mehr Spenderpflege und noch mehr kreative Lösungen, um die Arbeit abzusichern. Die Folge: Die Organisation muss noch effizienter werden, noch präsenter, noch genauer planen – obwohl sie schon heute wie ein mittelgroßer Betrieb funktioniert.

Neben der regulären Ausgabe organisiert die Tafel Projektaktionen, die für viele Betroffene mehr sind als ein Extra: Osterpakete, Muttertagsaktionen, ein Sommerprojekt (vor der Sommerpause bekommt jeder ein größeres Carepaket zur Überbrückung der Sommerpause) sowie ein Weihnachtsprojekt, das bereits im Mai vorbereitet wird. Dann heißt es: Angebote einholen, clever verhandeln und das Optimale für ein knappes Budget herausholen. Hinter jeder Aktion stehen zusätzliche Stunden und die Frage, ob genug Mittel zusammenkommen.

Kultur als gesellschaftliche Teilhabe

Man ist stolz darauf, inzwischen auch eine Kulturtafel zu sein. Von der Stadt Ingolstadt erhält die Tafel ein Kontingent an Karten für Theater und Konzerte, die sich zunehmender Beliebtheit erfreuen. In manchen Brennpunktzentren lebten die Menschen teils jahrelang anonym nebeneinander und plötzlich sitzen sie im Konzert beisammen. Es ist, sagt Willner, immer wieder wunderschön zu erleben, wie sehr sich die Menschen über die Karten freuen, wie Gemeinschaft entsteht und wie manche dadurch ein Stück weit aus der Einsamkeit herauskommen.

Was Petra Willner antreibt

Willner kommt aus einer Familie, in der Arbeit selbstverständlich war. Im elterlichen Gasthof mit Metzgerei und Landwirtschaft war das „Wirtsmädel“ es gewohnt, schon als Kind mit anzupacken – Kartoffeln sammeln, Gläser spülen. Untätigkeit gab es nicht. Später war sie im Hotelgewerbe tätig, übernahm Personalführung und richtete Bankette für bis zu tausend Menschen aus. Erfahrungen, die ihr heute zugutekommen: Struktur schaffen, Abläufe organisieren und Lösungen finden, auch wenn es brennt.

Sie liebt Herausforderungen, und sie will, dass alles optimal läuft. Die Tafel hat einen hohen Stellenwert in ihrem Leben. Das Engagement hat ihr Selbstbewusstsein gegeben im Bedarfsfall auch Forderungen zu stellen. Sie ist dankbar, dass sie gemeinsam mit ihrem Team einen Beitrag zur Armutslinderung leisten kann, und freut sich über die Dankbarkeit der Menschen.

Eine wichtige Stütze ist dabei Bettina Sturies, die Verantwortung mitträgt: jemand, mit dem man alles ausdiskutieren kann, der Rückendeckung gibt und die Last mit verteilt.

Fragt man Petra Willner, was sie sich wünscht, nennt sie vor allem zwei Punkte: dass mehr Menschen wissen, wie viel organisatorische, rechtliche und menschliche Arbeit an der Tafel hängt – und dass mehr Raum die Arbeitsabläufe deutlich erleichtern würde. Für die Unterstützung durch die Stadt ist man dankbar. In Zeiten leerer Kassen bleibt der Wunsch nach mehr Raum wohl vorerst ein Traum.

Das Team der Ingolstädter Tafel hält unerschütterlich zusammen und arbeitet mit viel Leidenschaft und Herzblut daran, dass die Hilfe für Betroffene jede Woche in diesem Umfang möglich ist und man jedem von ihnen stets wertschätzend begegnet. (HaGa)

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