Ariel Zuckermann über Zugehörigkeit, Wachstum bei den Abos und die Bedeutung der kulturellen Teilhabe.
Das Georgische Kammerorchester Ingolstadt, wurde 1964 in Tiflis gegründet und fand 1990 seine neue Heimat. Inzwischen ist das ehemalige Exilorchester ein fester und wichtiger Bestandteil der regionalen und überregionalen Kulturszene geworden.
Den meisten Menschen ist der Klangkörper noch unter dem Namen GKO, also „Georgisches Kammerorchester“, bekannt. Die Umbenennung in „Kammerphilharmonie Ingolstadt“ erfolgte zum Saisonbeginn 2025/2026.
Was hat Sie, Herr Zuckerman, dazu bewogen, sich dafür starkzumachen?
Die Zeiten haben sich geändert. Natürlich: Ohne das Georgische Kammerorchester gäbe es diese Formation nicht. Man ist sehr dankbar dafür, dass die Stadt das Orchester seinerzeit aufgenommen und ihm jahrzehntelang Asyl gewährt hat. Zu der damaligen Zeit kamen alle Mitglieder aus Georgien – aber das hat sich inzwischen geändert. Durch den Personalwechsel im Laufe der Jahre ist dies nicht mehr bei allen der Fall, und da war es uns auch wichtig, dass die neuen Mitglieder Ingolstadt als ihre Heimat sehen. Es ist das einzige Profiorchester, das Ingolstadt hat, und es war uns wichtig zu zeigen, dass wir zu der Stadt gehören – und auch die Stadt sollte stolz darauf sein, ihr eigenes, hervorragendes Orchester zu haben. Manchmal kam es auch zu Verwirrung, und es kam die Frage auf: Was macht ein georgisches Orchester in Ingolstadt?
Es gibt alljährlich zwölf Konzerte und zwei Zusatzkonzerte – Abo Plus. Wie entsteht ein Jahresprogramm?
Das ist eine lange Geburt. Ein Puzzle, das bei mir oft sehr lange dauert, bis ich alles so zusammengesetzt habe, bis ich damit zufrieden bin und sowohl jedes Konzert für sich, als auch das Jahresprogramm, in sich stimmig ist: Etwa die Hälfte dirigiere und gestalte ich selbst. Für die zweite Hälfte laden wir großartige Leute ein – sowohl Solisten als auch Dirigenten und Dirigentinnen. Da bemühen wir uns um eine Balance: auf der einen Seite Menschen, die das Orchester bereits sehr gut kennen und mit denen wir sowohl musikalisch als auch menschlich zusammengewachsen sind. Wichtig ist aber auch, neue, bereits bekannte Leute einzuladen – oder solche, von denen wir denken, dass sie bekannt werden sollten; was sich oft im Laufe der Zeit auch bestätigt hat.
Musikalisch bemühen wir uns ebenfalls um eine Mischung aus bekannten und beliebten Meisterwerken. Gleichzeitig wollen wir den Zuhörern auch weniger Bekanntes, Modernes und manchmal auch Auftragsproduktionen vorstellen. Mir ist es wichtig, dass die Mischung sowohl für die Musiker als auch für die Zuhörer spannend und interessant ist.
Bei der Verpflichtung der Dirigierenden besprechen und planen wir gemeinsam, was sie gern dirigieren möchten, und dann stimmen wir das zusammen ab, damit es für das Konzert so passt, wie ich es mir vorstelle, und es auch in den Duktus des geplanten Jahresprogramms passt.
Gibt es ein Jahresmotto für das Programm?
Es gibt ein solches Motto, allerdings ist es vor allem eine Orientierung für mich, ohne dass es unbedingt ein roter Faden ist.
Anmerkung: Die zentralen Leitlinien der Saison 2025/2026 sind geprägt von „Aufbruch und Umbruch, Kontinuität und Weiterentwicklung, Zuversicht und Konzentration auf das Wesentliche“.
Zusätzlich zu den regulären Konzerten gibt es auch Kinder- und sogar Babykonzerte. Hier geht es uns darum, diese für Musik zu begeistern – sei es, dass in ihnen der Wunsch geweckt wird, ein Instrument zu spielen. Und natürlich wollen wir junge Menschen auf den Geschmack bringen: Selbst wenn wir nur ein Prozent von ihnen als Konzertbesucher gewinnen, haben wir viel erreicht. Eigentlich ist es ein Wunder, dass wir mit den wenigen Mitteln, die uns zur Verfügung stehen, so viel bewirken können.
Auch ist es heute nicht mehr so selbstverständlich, dass die Menschen ihre Couch verlassen und in eine kulturelle Veranstaltung gehen – ein Verhalten, das sich vor allem durch Corona eingespielt hat. Aber die Leute sind durstig danach und kommen, um etwas zu erleben.
Herr Zuckerman, Sie waren von 2007 bis 2013 Chefdirigent des Georgischen Kammerorchesters Ingolstadt. 2021 kehrten Sie zur Freude des Ingolstädter Publikums und auch auf ausdrücklichen Wunsch des Orchesters an Ihre alte Wirkungsstätte zurück. Was hat Sie persönlich zu diesem Schritt bewogen?
Im Orchester hat sich zwischenzeitlich vieles geändert: Manche sind in Rente gegangen, neue, motivierte junge Musiker sind dazugekommen. Diese galt es entsprechend anzunehmen, und sie brachten dieselbe Energie mit, die auch auf das Publikum überspringt – das zeichnet dieses Orchester aus. Ich habe es schon damals sehr gemocht und habe mich auf die Arbeit mit diesem besonderen Klangkörper gefreut. Es war wie ein Neuanfang und ein Heimkommen gleichzeitig.
Was verbindet Sie sonst mit Ingolstadt?
Mittlerweile kenne ich hier viele Menschen, und ich liebe die Stadt. Ich denke, es ist eine ganz, ganz tolle und schöne Stadt. Ich kenne das Orchester schon sehr lange – ich kannte es schon, bevor ich Chef wurde. Ich habe hier Flöte gespielt, also kenne ich es bereits aus meiner Zeit als Student.

Was sind Ihre Wünsche, Visionen, aber auch Sorgen im Zusammenhang mit dem Orchester?
Wünsche und Pläne habe ich ohne Ende. Ob diese allerdings zu realisieren sind, ist vor dem Hintergrund des Sparzwangs der Stadt fraglich. Wir müssen mit dem auskommen, was wir bekommen – und das ist die Hauptsorge. Wir haben unsere Sache getan. Das Orchester ist auf einem sehr hohen Niveau, mit den Ergebnissen unserer Arbeit sind alle zufrieden. Die Anzahl der Abonnenten hat sich, seit ich wieder da bin, verdoppelt. Das ist etwas, was kaum ein anderes Orchester vorweisen kann.
Vor dem Hintergrund, wie sehr wir gewachsen sind, sind Streichungen für uns sehr schwierig – und zwar nicht nur für uns, sondern für die Gesellschaft insgesamt. Denn Kultur ist weit mehr als nur ein Privileg, sondern etwas Essenzielles: Sie hält Menschen zusammen. Einsparungen an Schulen, Kultur und Büchereien haben gravierende Auswirkungen. Auch wenn manche das vielleicht nicht verstehen: Kultur ist für alle Menschen wichtig – und für Kinder in der Schule ist sie eine wichtige gesellschaftliche Komponente. Die Gesellschaft wird durch schwierige Zeiten nicht gesünder, und Musik kann für die mentale Gesundheit viel bewirken. Künstliche Intelligenz kann vieles machen – aber das verbindende Gefühl eines Livekonzerts und etwas Gutes für die Seele zu tun, kann sie nicht. Das ist kein Wunschdenken, sondern wissenschaftlich belegt.
Herr Zuckerman, ich bedanke mich für das Interview und die Zeit, die Sie sich dafür genommen haben. (HaGa)
Fotos: Ariel Zuckermann
