Aufstieg, Brüche und die Hoffnung auf einen Neuanfang

Kinos in Ingolstadt

Die Familie Mengele ist in Ingolstadt eng mit der lokalen Kinogeschichte verbunden. In der Donaustraße eröffnete Josef Mengele 1911 das erste Kino, das Union-Filmtheater. Es ging später vom Urgroßvater auf den Großvater von Jeanette Mengele über, der es gemeinsam mit seiner Frau Frieda Viktoria betrieb. Als der Ehemann plötzlich starb, gab die Witwe – ursprünglich Opernsängerin und Pianistin am Theater Ingolstadt – ihren Beruf auf und führte das Kino weiter.

Entgegen den damaligen Erwartungen steuerte sie das Unternehmen so erfolgreich, dass sie nach dem Krieg expandieren wollte. In einer Zeit, in der sich sich das Publikum nach einer „heilen Welt“ sehnte. Diese Sehnsucht bediente man mit großen Publikumslieblingen wie Peter Alexander, Heinz Rühmann oder Romy Schneider. Trotz des Kinobooms stieß die Kinobetreiberin in Ingolstadt auf massive Vorbehalte. Als Frau und alleinerziehende Mutter erhielt sie vor Ort keinen Kredit. Doch  sie kämpfte für ihr Ziel wie eine Löwin und besorgte sich den Kredit in München und baute damit das Central-Kino in der Spitalstraße aus. 

1995 verfügte Frau Mengele in Ingolstadt über ein Kino-Monopol und holte deshalb Jeanette Mengele zurück in die Stadt. Diese hatte das Kino-Handwerk beim Royalkino in München „von der Pike auf“ gelernt, anschließend eine Ausbildung bei der Stadtsparkasse München absolviert und dort gearbeitet. Auf Bitten der Großmutter kehrte sie schließlich nach Ingolstadt zurück. 

Als seinerzeit der Großmutter das Multiplex-Kino auf der „grünen Wiese“ angeboten wurde, erfasste die ansonsten so umtriebige Frau nicht mehr die Dimension der rasanten Entwicklung und lehnte das Projekt ab, damit begann die Abwärtsspirale.


Das Kino-Imperium wurde langsam zerschlagen

2005 wurden die Kinos Central-Theater in der Spitalstraße verkauft, abgerissen und durch einen Wohnungskomplex ersetzt. Auch das Roli in der Dollstraße verschwand zugunsten eines  Studentenwohnheims. Die übrigen Cinema und Union übernahm Jeanette gemeinsam mit ihrer Schwester, die offenbar die Kinobegeisterung nicht in gleicher Weise teilte.

Jeanette Mengele erinnert sich besonders an die Zeit eines dichten Netzwerks an Kooperationen in der Stadt – etwa mit dem „Ölbaum“, der Veranstaltungsreihe „Der Oktober ist eine Frau“ und weiteren Partnern. Solche Zusammenarbeit belebte die Innenstadt: Man stützte sich gegenseitig und profitierte voneinander.

2007 kam der nächste Bruch: Ihr Vater Hermann Mengele verkaufte die Kinos überraschend – für die leidenschaftliche Kinofrau ein Schock. Übrig blieb ihr das Freilichtkino am Turm Baur, das sie seit 1996 gemeinsam mit ihrem Vater betrieben hatte. Es feiert heuer sein 30-jähriges Jubiläum; die Vorbereitungen mit besonderen Highlights laufen bereits. IN-direkt wird zu gegebener Zeit berichten.

Nach dem Verkauf gab es in der Innenstadt viele Jahre kein Kino mehr. Erst als Jürgen Kellerhals die Häuser kaufte, wurde die Wiederaufnahme organisiert: Franz Fischer, Ellen Gratzer und Wolfgang Schick bereiteten die Rückkehr vor. Im Oktober 2012 wurden die Altstadtkinos Cinema und Union feierlich mit Marianne Sägebrecht neu eröffnet. Die Geschäftsführung übernahm Wolfgang Schick, der über viele Jahre das Programm gestaltete. 

Doch die Belastungen nahmen zu. Neben Corona führte offenbar auch eine schwere Erkrankung von Franz Fischer – der sich inzwischen langsam erholt – zu einem Einbruch. Angesichts eines wachsenden Schuldenbergs musste man im Dezember 2025 Insolvenz beim Amtsgericht Ingolstadt anmelden. Im Zuge des Verfahrens können bereits erworbene Gutscheine leider nicht eingelöst werden.

Nun bleibt die Hoffnung auf einen neuen Investor. Denn ohne Kinos verliert die Innenstadt nicht nur einen Kulturort – auch die Gastronomie spürt die fehlenden Besucher. (HaGa)

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