Unsere Seelen bei Nacht 

An diesem Abend begleiten die Zuschauer Katrin Becker als Addie und Hans Rudolf Spühler als Louis in eine ungewöhnliche und berührende Liebesgeschichte zwischen zwei verwitweten 70-Jährigen. Auch ihre Kinder sind bereits lange aus dem Haus, sodass sich beide oft einsam fühlen – vor allem in der Dunkelheit der Nächte. Eines Tages kommt Addie zu ihrem Nachbarn: „Ich wollte fragen, ob du dir vorstellen könntest, hin und wieder zu mir zu kommen und bei mir zu schlafen.“ Mit dieser ungewöhnlichen Frage bringt sie Louis gehörig aus der Fassung. Aber nach anfänglichem Zögern lässt er sich darauf ein und erscheint eines Abends mit einer Papiertüte, in der Pyjama und Zahnbürste stecken. Die gemeinsam verbrachten Nächte, in denen sie einfach nebeneinander liegen und sich zunächst über Banalitäten unterhalten, sind von menschlicher Nähe und wachsendem gegenseitigem Vertrauen erfüllt; so erzählen sie sich nach und nach von ihren Erinnerungen, Träumen sowie Schicksalsschlägen und davon, wie sie damit fertig wurden – vieles davon teilten sie nicht einmal mit ihren Ehepartnern.

Die gemeinsamen Nächte werden zu einem lieb gewonnenen Ritual. Sie setzen sich selbstbewusst über das Getuschel in der Kleinstadt im Bundesstaat Colorado hinweg. Eines Tages bringt Addies Sohn Gene, der getrennt lebt, ihren Enkel Jamie vorbei, der mit den zwei Senioren einen glücklichen Sommer voller liebevoller Zuwendung erlebt.

Das späte Liebesglück wird durch Genes schroffe Intervention bedroht. Er missbilligt die Beziehung seiner Mutter und unterstellt Louis finanzielle Interessen. Addie widersetzt sich dem zunächst vehement, wird aber durch seine stetigen Vorwürfe zunehmend zermürbt und zerbricht letztlich daran: Als ihr Sohn ihr den Enkel vorenthält, bricht sie mit Louis. Der Zauber des fragilen späten Glücks findet ein schmerzliches Ende.

Viele Zuschauer des Altstadttheaters kennen und lieben die beiden wunderbaren Protagonisten Katrin Becker und Rudi Spühler. Zuletzt verzauberten sie in Leni Brem-Keils Inszenierung „Alte Liebe“ und sind ein bewährter Garant für einen wunderbaren Abend, in dem sie es unnachahmlich verstehen, voll Wärme und Hingabe zu zeigen, dass der Zauber einer tiefen Verbundenheit und Liebe kein Alter kennt. Was sie einmal mehr in dieser bezaubernden Lesung des Romans von Kent Haruf so unnachahmlich wunderbar bewiesen:  Man schmilzt förmlich dahin und freut sich über so viel menschliche Nähe und Verbundenheit. Leider war diese Lesung ein einmaliger Abend – übrigens spenden die beiden wunderbaren Schauspieler den Erlös des Abends dem Altstadttheater und zeigen damit ihre Verbundenheit und Wertschätzung für die tolle Arbeit an diesem Theater.

Es bleibt zu hoffen, dass es auch künftig noch viele gemeinsame Inszenierungen mit den beiden Protagonisten geben wird, denn man kann eigentlich nicht genug von den beiden bekommen. (HaGa)

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