Mit einer Kundgebung und einem anschließenden kurzen Demonstrationszug durch die Ingolstädter Innenstadt haben Beschäftigte des Einzel-, Groß- und Außenhandels ihren Forderungen in den laufenden Tarifverhandlungen Nachdruck verliehen. Die Gewerkschaft Verdi kritisierte die Haltung der Arbeitgeber scharf und kündigte an, den Druck bei Bedarf weiter zu erhöhen.
Verdi fordert im Einzelhandel eine Entgelterhöhung von 222 Euro beziehungsweise sieben Prozent. Nach Angaben der Gewerkschaft wurde diese Forderung in der ersten Tarifverhandlung am 8. Mai 2026 von Arbeitgeberseite zurückgewiesen. Ein eigenes verhandlungsfähiges Angebot liege bislang nicht vor.
Den kämpferischsten Auftritt des Tages legte Verdi-Sekretärin Arina Wolf hin. Sie sagte offen, sie sei „sauer“ über den Verlauf der Tarifrunde und die mangelnde Wertschätzung gegenüber den Beschäftigten. Während für Dividenden, Investitionen und hohe Managementgehälter Geld vorhanden sei, werde bei den Beschäftigten über jeden Euro diskutiert. Die Arbeitnehmer kämpften nicht für Luxus, sondern für ein Einkommen, das ein Leben ohne ständige Existenzängste ermögliche.



Verdi-Geschäftsführerin Claudia Scheck warf den Arbeitgebern vor, die Beschäftigten nicht angemessen am erwirtschafteten Wohlstand zu beteiligen. „Verdient wird in Deutschland genug“, sagte sie. Das Problem sei die Verteilung. Gerechte Tarifabschlüsse seien deshalb ein wichtiger Schritt zu mehr sozialer Gerechtigkeit. Zudem kritisierte Scheck Ausgliederungen von Betriebsteilen, den Verlust tariflicher Ansprüche und Druck auf Beschäftigte während Arbeitskämpfen.
Tamara Pohl, Regionsgeschäftsführerin des Deutschen Gewerkschaftsbundes Oberbayern, ordnete die Auseinandersetzung grundsätzlicher ein. Sie sprach von einem Angriff auf Arbeitnehmerrechte und betonte, dass Beschäftigte nicht als Gegner betrachtet werden dürften. Unternehmen bräuchten zwar Unternehmergeist, ohne die Beschäftigten aber stehe am Ende alles still.



Eva Bulling-Schröter, Stadträtin der Linken stellte die soziale Lage der Beschäftigten in den Mittelpunkt. Hohe Mieten, steigende Energiepreise und teurere Lebensmittel belasteten viele Arbeitnehmer zunehmend. Sie sprach sich deshalb für höhere Löhne und verlässliche Arbeitsbedingungen aus.
Kritik übte Bulling-Schröter zudem an längeren Ladenöffnungszeiten. Diese würden keine zusätzliche Kaufkraft schaffen, sondern vor allem die Beschäftigten belasten. Als Beispiel wurde eine Mitarbeiterin aus dem Ingolstadt Village genannt, die nach einem späten Feierabend keine passende Busverbindung mehr in ihren Heimatort Desching habe.
Sandro Örtelt von Selgros, Mitglied der Tarifkommission für den bayerischen Groß- und Außenhandel, betonte, dass die Beschäftigten im Handel nicht nur während der Corona-Pandemie systemrelevant gewesen seien, sondern auch heute täglich einen wichtigen Beitrag leisteten. Er kritisierte Debatten über längere Arbeitszeiten und warnte vor den Folgen nachlassender Tarifbindung. Wenn Unternehmen Tarifabschlüsse nicht mehr übernähmen, könnten Beschäftigte bei künftigen Lohnsteigerungen ins Hintertreffen geraten.



Ein weiteres Thema der Kundgebung war die Sorge vor Altersarmut. Mehrere Redner machten deutlich, dass jahrzehntelange Arbeit im Handel am Ende zu einer auskömmlichen Rente führen müsse. Höhere Löhne seien daher nicht nur eine Frage der aktuellen Kaufkraft, sondern auch der sozialen Absicherung im Alter.
Die Botschaft der Kundgebung war eindeutig: Die Beschäftigten erwarten ein deutlich verbessertes Angebot der Arbeitgeber. Sollte es in den kommenden Verhandlungen keine Bewegung geben, kündigte Verdi an, den Druck mit weiteren Aktionen und Streiks zu erhöhen.
