Geschlechtsspezifische Mobbing – wenn öffentliche Sichtbarkeit zur Belastung wird
Sarah engagiert sich mit Leib und Seele für den Umweltschutz und hat deshalb in ihrer Stadt eine Umweltschutzgruppe gegründet. Gemeinsam mit anderen beteiligt sie sich an Ramadama-Aktionen, organisiert Vorträge und versucht, das Bewusstsein der Menschen für Umwelt- und Klimaschutz zu stärken.
Doch in letzter Zeit denkt Sarah immer häufiger darüber nach, sich aus diesem Engagement zurückzuziehen. Nicht, weil sie nicht mehr von der Bedeutung und Richtigkeit ihrer Arbeit überzeugt wäre. Im Gegenteil. Es sind die öffentlichen Anfeindungen, die ihr zunehmend zusetzen. Kritik richtet sich dabei längst nicht mehr nur gegen ihre Positionen oder ihr Engagement. Immer wieder wird sie persönlich angegriffen – und manches davon trifft sie gerade deshalb, weil sie eine Frau ist.
Für die lebensbejahende junge Frau standen ihr Aussehen und ihre Figur bislang nicht im Mittelpunkt ihres Lebens. Doch inzwischen wird sie von anderen zunehmend genau darauf reduziert – und massiv dafür verspottet, dass sie nicht der gängigen Vorstellung einer Model-Figur entspricht. Vor allem in den sozialen Medien fallen Bemerkungen wie: „Was willst du, du fette Sau?“ oder „Dich würde ich erst einmal auf Diät setzen, bevor ich dich überhaupt an meiner Bettkante dulden würde.“
Fast ebenso verletzend empfindet sie die Reaktionen darauf: die vielen lachenden Smileys unter solchen Kommentaren. Sie vermitteln ihr das Gefühl, dass die öffentliche Demütigung nicht nur von Einzelnen ausgeht, sondern von anderen auch noch mit Belustigung quittiert wird.
Sarah steht damit beispielhaft für Frauen, die sich öffentlich engagieren und dabei nicht nur an ihren politischen oder gesellschaftlichen Positionen gemessen werden. Zur sachlichen Auseinandersetzung kommen häufig geschlechtsspezifische und körperbezogene Angriffe hinzu. Besonders deutlich wird dies beim Bodyshaming, bei dem Körper, Hautfarbe oder Alter eines Menschen zum Gegenstand von Abwertung und Beschämung gemacht wird.
Wenn Frauen öffentliche Rollen übernehmen
Die Folgen solcher Angriffe können weit über eine kurzfristige Kränkung hinausgehen. Forschung zu Online-Gewalt gegen Frauen zeigt, dass Betroffene ihre Kommunikation verändern, bestimmte Themen meiden, ihre Aktivitäten in sozialen Medien einschränken oder sich teilweise ganz aus öffentlichen Räumen zurückziehen. Damit entsteht ein Problem, das über das individuelle Leid der Betroffenen hinausgeht: Wenn Menschen ihre öffentliche Beteiligung aufgrund wiederholter Angriffe einschränken, verändert sich auch die Zusammensetzung des öffentlichen Diskurses.
Es stellt sich die Frage: Warum werden Frauen, die sich öffentlich engagieren, teilweise nicht nur für ihre politischen Positionen kritisiert, sondern auch aufgrund ihrer Weiblichkeit und ihres Aussehens teils massiv angegriffen? Eine mögliche Erklärung liefert die Forschung zu Geschlechterrollen und Führung. Gesellschaftliche Vorstellungen verbinden Frauen traditionell eher mit Eigenschaften wie Fürsorglichkeit, Wärme, Zurückhaltung und Gemeinschaftsorientierung. Öffentliche Macht- und Führungsrollen werden dagegen häufiger mit Durchsetzungsfähigkeit, Selbstsicherheit, Dominanz und Entscheidungsstärke verbunden, die als männlich definiert werden. Genau hier setzt die sogenannte Role Congruity Theory an.
Sie beschreibt, dass Frauen in Führungsrollen mit Vorurteilen konfrontiert werden können, wenn die mit ihrer Rolle verbundenen Eigenschaften nicht mit traditionellen Vorstellungen von Weiblichkeit übereinstimmen. Das Problem besteht damit nicht ausschließlich darin, dass eine Frau eine bestimmte Position innehat, sondern wie sie ihre Position ausfüllt. Um sich in einer Führungsrolle durchzusetzen, sind Selbstbewusstsein, Durchsetzungsfähigkeit und Führungsqualitäten notwendig – Eigenschaften, die bei Frauen jedoch schnell als unweiblich, aggressiv oder arrogant gedeutet werden können. Sie werden somit dafür sanktioniert, dass sie die ihnen zugedachte weibliche Rolle verlassen und Eigenschaften zeigen, die gesellschaftlich eher mit männlicher Autorität verbunden werden.
Vom Ausschluss zu sozialer Ausgrenzung
Historisch waren Frauen vor allem der privaten Sphäre zugeordnet. Ihr karitatives Engagement für Arme und Kranke wurde jedoch als Erweiterung ihrer traditionellen Fürsorgerolle zunehmend akzeptiert.
Mit der zunehmenden politischen und gesellschaftlichen Teilhabe von Frauen verlor der offene Ausschluss aus der Öffentlichkeit zunehmend seine Legitimität. Auch im Grundgesetz wurde später die gleichberechtigte Teilhabe garantiert, sodass Frauen begannen politische Ämter zu übernehmen, wissenschaftlich zu arbeiten, journalistisch tätig zu sein und gesellschaftliche Bewegungen zu organisieren. Damit verschwand allerdings nicht automatisch die Vorstellung der traditionellen Rollenverteilung. Aus dem offenen „Eine Frau gehört nicht in diese Position“ wurde ein subtileres „Eine Frau darf diese Position haben, aber sie sollte sich nicht so verhalten“.
Eine Frau muss nicht formal daran gehindert werden, öffentlich tätig zu sein. Es reicht, wenn der Preis für diese Öffentlichkeit so hoch wird, dass sie ihre Kommunikation einschränkt, bestimmte Themen nicht mehr anspricht oder sich schließlich zurückzieht.
Sarah verliert nicht ihre Überzeugung hinsichtlich der Bedeutung des Umweltschutzes. Was sie zum Rückzug bewegt, sind die Bedingungen, unter denen sie ihre Überzeugung öffentlich vertreten muss. Die Kommentare beschäftigen sich kaum mit ihrer Arbeit, sondern mit ihrem Körper und der sexuellen Attraktivität – ihre Identität als Frau wird zum Angriffspunkt.
Genau darin liegt die gesellschaftliche Bedeutung geschlechtsspezifischen Mobbings. Mehr als die Hälfte der Betroffenen schränkt infolge von Hass und Anfeindungen ihre Beteiligung am öffentlichen Diskurs ein.
Aus individueller Abwertung entsteht der „Silencing-Effekt“: Nicht die Überzeugung verändert sich, sondern die Bereitschaft, sie öffentlich zu vertreten.
Und damit verändert sich nicht nur das Leben der einzelnen Betroffenen. Wenn Frauen ihre öffentliche Sichtbarkeit reduzieren, fehlen auch ihre Perspektiven im gesellschaftlichen Diskurs. (HaGa)
Hilfe und Beratung in Ingolstadt
Antidiskriminierungsstelle der Stadt Ingolstadt: 0841 305-1165
Gleichstellungsstelle der Stadt Ingolstadt: 0841 305-1166
Wirbelwind e. V. – Beratung bei sexualisierter Gewalt: 0841 17353
Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“: 116 016
Bei akuter Bedrohung: Polizei 110
Foto: Magnific free

