Kilian Hartl ist überzeugt: In einer herkömmlichen Physiotherapie-Praxis bekommen Schlaganfall-Betroffene nicht immer die Therapie, die sie benötigen. Seit mehr als drei Jahren bricht der 31-jährige Ingolstädter in seiner eigenen Praxis mit den branchenüblichen Standards. Dafür ist er für den Motivationspreis 2026 der Stiftung Deutsche Schlaganfall-Hilfe nominiert.
„Ich bin weit weg von der klassischen Physiotherapie“, stellt Hartl klar. „Ich versuche das Gehirn quasi neu zu programmieren. Mein Ziel ist, dass die Patienten wieder ganz alltägliche Dinge schaffen – wie das selbstständige Gehen. Wir müssen falsche, festgefahrene Bewegungsmuster aufbrechen, damit der Körper überhaupt wieder eine Chance hat, sich normal zu bewegen.“
Für diesen unkonventionellen Ansatz ist der Ingolstädter jetzt für den Motivationspreis 2026 der Stiftung Deutsche Schlaganfall-Hilfe nominiert. Die Gütersloher Stiftung verleiht den Preis alle zwei Jahre an Menschen, die sich als Betroffene, Ehrenamtliche oder Fachleute in herausragender Weise für das Thema Schlaganfall engagieren. Die Nominierten sind Vorbilder und motivieren Betroffene, nach einem Schlaganfall ihren Weg zurück ins Leben zu finden. Die Preisverleihung wird im Dezember stattfinden.
Vom Metall zum Menschen
Hartls Lebenslauf ist alles andere als gewöhnlich. Im ersten Beruf war er Metallbauer. „Ich wollte schon immer etwas mit meinen Händen machen“, sagt er rückblickend. Mit 20 Jahren packte seine Sachen, ging für zwei Jahre zum Arbeiten nach Italien, orientierte sich dort neu und fing mit 22 noch einmal von vorne an. Seinen heutigen Beruf versteht er als Handwerkskunst am Menschen.
Nach der Ausbildung zum Physiotherapeuten arbeitete Hartl auf den Intensiv- und Frührehastationen des Klinikums Ingolstadt. Er erlebte, wie viel nach einem schweren Einschnitt möglich ist – aber auch, wo das Gesundheitssystem an seine Grenzen stößt. „In der Akutphase ist Deutschland medizinisch hervorragend aufgestellt. Das Problem beginnt danach“, sagt Hartl. Wer nach der Reha nach Hause entlassen wird, steht im Alltag oft allein. Auf einen ambulanten Therapieplatz warten viele monatelang.
Therapie ohne Krankenkasse
Genau diese Versorgungslücke wollte Hartl schließen. Im Klinikalltag stieß er dabei selbst an seine Grenzen. Aufgrund struktureller Entwicklungen innerhalb der Klinik wurde er den Patientinnen und Patienten am Ende einfach nicht mehr gerecht. Er zog die Reißleine, verließ das Krankenhaus und gründete Anfang 2023 seine eigene Praxis „Körperschema“ in Ingolstadt.
Um sich die nötige Zeit für seine Patientinnen und Patienten nehmen zu können, traf er eine Entscheidung, die in der Branche als verpönt gilt: Er arbeitet ohne Kassenzulassung, auf Selbstzahlerbasis. Möglich macht das seine Zusatzqualifikation als sektoraler Heilpraktiker. „Bei einer klassischen Physiotherapie bekommt man teilweise zu kurze Behandlungszeiten“, kritisiert er. „Das reicht in der Neurorehabilitation oft nicht aus.“
Hartl verfolgt einen anderen Ansatz: „Der Therapeut soll dem Patienten die Möglichkeit geben, das machen zu können, was er kann – und nicht sagen, was er zu machen hat.“ Anders dürfe moderne Neurorehabilitation nicht ablaufen, ist er überzeugt. Deshalb sucht er bei jedem Patienten gezielt nach dem „Warum“ hinter den Fehlbewegungen, um alltägliche Abläufe wie das Gehen qualitativ völlig neu zu erlernen.
Der Alltag muss zu Hause gelingen
Weil ein Schlaganfall nie einen Menschen allein trifft, hat Hartl parallel eine angeleitete Selbsthilfegruppe für pflegende Angehörige ins Leben gerufen. Zudem engagiert er sich im Hospiz- und Palliativversorgungsnetzwerk Ingolstadt für palliative Menschen und gibt sein Wissen als Lehrkraft für Physiotherapie an die nächste Generation weiter. Sein Ziel: „Ich möchte meine Erfahrungen an Angehörige und Fachkräfte weitergeben, um auch über die Therapie hinaus die Situation von Schlaganfall-Betroffenen positiv zu beeinflussen.“
Bild: Kilian Hartl / privat
