Wer und was wichtig ist

Ein sommerlicher Beitrag von Hermann Käbisch

Sie gehen durch die Stadt und treffen einen Bekannten, den Sie schon länger nicht mehr gesehen haben. Was passiert dann? Ihnen fällt der Name nicht ein. Kaum ist das Gespräch allerdings beendet und Sie haben sich mit dem Vorsatz, mal zusammen einen Cappuccino oder ein Glas Wein zu trinken, verabschiedet, ja dann fällt Ihnen der Name wieder ein. Mich hat mein Gedächtnis bei derartigen Gelegenheiten schon mehrfach im Stich gelassen. Daher griff ich sofort zu, als ich kürzlich im Schaufenster einer Buchhandlung folgenden Band erblickte: „Gedichte zum Gedächtnistraining“ – herausgegeben von Brigitte Beck, erschienen im Bassermann-Verlag. Beim ersten Durchblättern sprang mir ein Gedicht ins Auge, das aktueller nicht sein kann: Jetzt, kurz vor der politischen Sommerpause, tanzen unsere drei Bürgermeister und Stadträte nicht nur auf allen möglichen Hochzeiten, sondern man trifft sie (gelegentlich im Doppelpack) bei allen Vereinsfesten und sonstigen Veranstaltungen. Das aber scheint schon immer so gewesen zu sein. Im Jahr 1864, also vor mehr als 160 Jahren, verfasste Wilhelm Busch folgende Zeilen:

„Wirklich, er war unentbehrlich!/Überall, wo was geschah,/zu dem Wohle der Gemeinde,/er war tätig, er war da.//Schützenfest, Kasinobälle,/Pferderennen, Preisgericht,/Liedertafel, Spritzenprobe,/ohne ihn, da ging es nicht.//Ohne ihn war nichts zu machen,/keine Stunde hatt‘ er frei./Gestern, als sie ihn begruben,/war er richtig auch dabei.“

Nun will ich kein Spielverderber sein (ein wenig vielleicht doch), aber immer wenn ich einen unserer kommunalen Repräsentanten bei einer Veranstaltung sehe, dann denke ich mir: „Welchen Sparvorschlag hat er zur Sanierung unserer städtischen Finanzen wohl gemacht?“ Bürgernähe ist schon wichtig, aber bei uns in Ingolstadt brennt die Hütte. Die Stadt ist faktisch pleite (eine kommunale Insolvenz ist vom Gesetz aber nicht vorgesehen), es muss gespart werden. Da ist Kreativität in Sachen Sparsamkeit höchste Politiker-Pflicht. Schaut man dann auf die Antragsflut, mit der die Parteien die Verwaltung beschäftigen, da fällt auf: Es gibt Forderungen verschiedenster Art (für einige besonders wichtig: Längere Öffnungszeiten der Toiletten auf den Friedhöfen), es gibt Anträge , bei bestimmten Einrichtungen nicht(!) zu sparen und es gibt Rufe nach einer Sondersitzung des Stadtrats noch vor der Sommerpause, um die wirtschaftliche Lage der Stadt zu erörtern (bringt das außer Schaufensterreden und Sitzungsgeldern für die Stadträte wirklich was?). Sparvorschläge, die zumeist zu Kürzungen von Leistungen gegenüber den Bürgern führen (werden) und daher unbeliebt sind, habe ich kaum unter den zahlreichen Anträgen der Parteien entdeckt. Wenn Sie sich selbst von den gestellten Anträgen der Parteien überzeugen wollen, diese sind einsehbar: https://share.google/MSHhMHsMjrk2YrjW0

Popularität ist ja gut und schön, aber jetzt müssen harte finanzielle Einschnitte gemacht werden. Dazu gehört Mut! Und natürlich Sachkenntnis. Da sollte sich jeder Stadtrat als Ziel setzen: Am Ende der Sommerpause geht er mit einem Sparvorschlag in die nächste Stadtratssitzung. Dazu nochmal Wilhelm Busch: „Man kann des Lebens sich erfreuen, und dennoch klug und sparsam sein.“

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