Von Sabine Hartmann
Neulich fiel mir ein altes Schwarz-Weiß-Foto in die Hände. Darauf stehe ich als Kind vor dem Familienauto. Ein Opel mit jeder Menge Chrom, viel Blech und einer Front, die heute vermutlich als Einfamilienhaus durchgehen würde. Auf dem Dach steht – warum auch immer – eine Bierflasche.
Heute würde wahrscheinlich zuerst jemand fragen, ob das überhaupt erlaubt war. Damals fragte niemand. Man machte ein Foto und lebte weiter.
Und plötzlich ertappte ich mich bei einem Satz, den ich als Jugendlicher nie sagen wollte:
„Früher war alles besser.“
War es das wirklich?
Früher brauchten Autos keinen Spurhalteassistenten, keinen Totwinkelwarner und keine Software-Updates. Wenn etwas kaputt war, wurde die Motorhaube geöffnet. Man sah den Motor. Man verstand ihn. Und wenn nicht, kannte der Nachbar jemanden, der ihn verstand.
Heute öffnet man die Motorhaube – und blickt auf eine Plastikabdeckung. Der Rest findet in einem Steuergerät statt. Oder in der Werkstatt.
Früher war man nach der Schule einfach verschwunden. Die Eltern wussten nicht, wo man war. Aber irgendwie wusste jeder, wann es Zeit war, nach Hause zu kommen.
Heute verfolgen wir Kinder per App, während sie hundert Meter entfernt mit dem Fahrrad unterwegs sind.
Früher hatte das Telefon eine Wählscheibe. Wer nicht da war, war eben nicht da. Heute tragen wir das Telefon ständig mit uns herum – und schaffen es trotzdem, auf eine Nachricht erst drei Tage später zu antworten.
Als Redakteur höre ich oft den Satz: „Früher war alles besser.“
Ich glaube, das stimmt nicht.
Früher war manches einfacher. Manches persönlicher. Manches langsamer. Aber vieles war auch unbequemer, unsicherer und längst nicht so romantisch, wie es unsere Erinnerung heute daraus macht.
Vielleicht vermissen wir gar nicht die Vergangenheit.
Vielleicht vermissen wir das Gefühl, das wir damals hatten.
Das alte Foto liegt inzwischen wieder in der Schublade. Der Opel ist längst Geschichte. Ob die Bierflasche auf dem Dach jemals geöffnet wurde, weiß ich nicht mehr.
Eines weiß ich aber sicher:
Früher war nicht alles besser. Aber vieles war anders. Und manchmal reicht genau das, damit es sich in der Erinnerung ein bisschen besser anfühlt.
