Wenn Sparen Bildung gefährdet

Die Stadtbücherei wird zum Symbol der Haushaltsdebatte: Im Ausschuss für Kultur und Bildung warnen Stadträte fraktionsübergreifend vor weiteren Kürzungen. Im Mittelpunkt stehen Leseförderung, Familien und die Zukunft des Bücherbusses.

Die Stadtbücherei Ingolstadt ist weit mehr als ein Ort, an dem Bücher ausgeliehen werden. Das machte Leiterin Heike Marx-Teykal bei der Vorstellung des Jahresberichts 2025 im Ausschuss für Kultur und Bildung deutlich. Neben der Hauptstelle im Herzogskasten gehören die Stadtteil- und Schulbücherei Südwest, der Bücherbus, die digitale Onleihe und die Schulmedienzentrale zum Angebot. Ihr Fazit: Die Stadtbücherei ist eine Bildungseinrichtung – und die Folgen weiterer Einsparungen wären deutlich spürbar.

Im Mittelpunkt ihres Vortrags stand die Bedeutung der Leseförderung. Lesekompetenz sei die Grundlage für Bildung, Medienkompetenz und gesellschaftliche Teilhabe. Digitale Medien könnten fehlende Lesefähigkeit nicht ersetzen. Gerade Kinder und Familien müssten früh an Sprache und Bücher herangeführt werden.

Die Zahlen unterstreichen die Bedeutung der Einrichtung: Mehr als 16.000 aktive Leseausweise, rund 300.000 Besuche sowie über 700.000 Ausleihen und Downloads wurden 2025 gezählt. Jedes dritte Kind in Ingolstadt besitzt einen aktiv genutzten Büchereiausweis.

Gleichzeitig machte Marx-Teykal deutlich, dass der Sparkurs bereits Folgen hat. Der Medienetat wurde gekürzt, Stellen werden abgebaut. Ab Januar 2027 soll der Herzogskasten montags geschlossen bleiben, die Öffnungszeiten der Stadtteilbücherei Südwest werden etwa halbiert. „Ich kann nicht drei Vollzeitäquivalente abbauen und keiner merkt es“, sagte sie.

Kulturreferent Marc Grandmontagne ordnete den Bericht in die laufende Haushaltskonsolidierung ein. Die Stadt spare seit zwei Jahren erheblich bei den freiwilligen Leistungen. Bei der Stadtbücherei sei jedoch ein Punkt erreicht, an dem weitere Kürzungen die Qualität des Angebots gefährden würden. Eine Bücherei ohne aktuelle Medien werde für die Bürger unattraktiv. Zugleich widersprach er der häufigen Einordnung als freiwillige Leistung. „Es handelt sich um eine Bildungsinstitution“, betonte Grandmontagne. Schulen allein könnten Defizite bei Leseförderung, Alphabetisierung und Medienkompetenz nicht auffangen.

Dass diese Einschätzung fraktionsübergreifend geteilt wird, zeigte die anschließende Diskussion. UWG-Stadtrat Matthias Schickel verwies aus seiner Erfahrung als Lehrer darauf, dass Lesekompetenz heute in allen Fächern gebraucht werde – auch in den MINT-Fächern. Selbst Physik-Abituraufgaben seien ohne gutes Textverständnis kaum noch lösbar.

FW-Stadträtin Lisa Stachel wollte wissen, welche 634 Veranstaltungen die Stadtbücherei jährlich anbietet und welche davon von den Einsparungen betroffen sind. Marx-Teykal erläuterte, dass dazu unter anderem Klassenführungen, Leseförderprogramme, Angebote für Zweitklässler, die „Büchereizeit“ für Kinder, die „Bücherwürmchen“ für Kleinkinder sowie Recherchetrainings für Abschlussklassen gehören. Einige Angebote in der Stadtteilbücherei Südwest und bei den Recherchetrainings seien bereits reduziert worden. An der Leseförderung für Zweitklässler und den Familienangeboten im Herzogskasten wolle man dagegen festhalten.

Mehrere Stadträte hoben die gesellschaftliche Bedeutung der Einrichtung hervor. SPD-Stadträtin Nadine Praun bezeichnete die Stadtbücherei als wichtigen Ort für Bildung und Chancengleichheit. Besonders wichtig seien die kostenlose Ausleihe für Kinder und Jugendliche, Lernräume ohne Konsumzwang sowie die Arbeit der Schulmedienzentrale.

Bündnis90/Die Grünen-Stadträtin Barbara Leininger verwies darauf, dass die Stadtbücherei bereits äußerst effizient arbeite und mit vergleichsweise wenig Personal viele Menschen erreiche. Ihr Fazit fiel eindeutig aus: „Mehr sparen geht jetzt nicht mehr.“ Gleichzeitig warnte sie vor der wachsenden Konkurrenz durch Smartphones und digitale Medien und lobte die intensive Arbeit mit Familien und Kindern.

Auch CSU-Stadträtin Christina Maria Hofmann unterstrich die Bedeutung der frühen Sprach- und Leseförderung. Sie hob insbesondere kostenlose Medien für Kinder, zweisprachige Bücher, Themenkisten für Schulen, MINT-Materialien und öffentliche Computerarbeitsplätze hervor. Zudem lobte sie die Aktion „Kauf mich für die Bücherei“, mit der Bürger neue Bücher spenden können.

Eindringlich appellierte Bündnis90/Die Grünen Stadträtin Agnes Krumwiede, Kultur- und Bildungseinrichtungen vor weiteren Kürzungen zu schützen. Sie bezeichnete die Stadtbücherei als wichtigen außerschulischen Lern- und Begegnungsort für Familien, Alleinerziehende und Menschen mit Migrationsgeschichte. Krumwiede forderte einen „Schutzschirm vor dem Sparzwang“ und sprach sich ausdrücklich für den Erhalt des Bücherbusses aus.

Der Bücherbus entwickelte sich schließlich zum konkreten Thema der Debatte. CSU-Stadträtin Simona Rottenkolber fragte nach der Zukunft der Fahrerstelle und regte an, eine Unterstützung durch Ehrenamtliche zu prüfen. Marx-Teykal erklärte jedoch, dass der Bücherbus einen Fahrer mit Lkw-Führerschein der Klasse C benötige. Der derzeitige Fahrer habe lediglich einen befristeten Vertrag bis Ende 2026. Gleichzeitig sei der Betrieb durch Verträge mit der INKB sowie den Gemeinden Karlskron, Altmannstein und Ernsgaden mindestens bis Ende 2027 gesichert. Ehrenamtliche könnten den Fahrer deshalb nicht ersetzen.

AFD-Stadträtin Eva Susanka sprach sich grundsätzlich gegen Einsparungen im Bildungsbereich aus. Bildung sei ein entscheidender Standort- und Wirtschaftsfaktor für Ingolstadt. SPD-Stadträtin Dorothea Deneke-Stoll forderte, für die Fahrerstelle des Bücherbusses eine pragmatische Lösung zu finden und zu prüfen, ob angesichts der bestehenden Verträge eine Ausnahme von den allgemeinen Personaleinsparungen möglich sei.

Am Ende blieb ein ungewöhnlich breiter Konsens über Parteigrenzen hinweg: Die Stadtbücherei wird als unverzichtbare Bildungs- und Kultureinrichtung angesehen. Die eigentliche Frage lautet inzwischen nicht mehr, ob gespart werden muss, sondern wie weit der Sparkurs gehen kann, ohne die Bildungsangebote der Stadt dauerhaft zu beschädigen.

Artikel teilen:

Verlinkte Themen: