Tanz um den „Totentanz“ im Westfriedhof 

Die Aussegnungshalle am Ingolstädter Westfriedhof wird von einem monumentalen Fresko des Malers Oskar Martin-Amorbach geprägt. Der „Totentanz“, 1933/34 fertiggestellt, dominiert nicht nur den Raum, sondern seit Jahren auch die Diskussion über den angemessenen Umgang mit Kunst aus der Zeit des Nationalsozialismus.

Das Werk greift ein mittelalterliches Motiv auf: Menschen aller gesellschaftlichen Schichten werden vom Tod zum Jüngsten Gericht geführt. In Ingolstadt ziehen die beinahe lebensgroßen Figuren – Bauern, Handwerker, Professoren, Priester, Ärzte, Musiker, Richter, Familien und Kinder – auf beiden Längswänden einem monumentalen Auferstehungsbild an der Stirnseite entgegen. In dessen Zentrum steht Christus als Weltenrichter.

Die Deutung des Freskos ist umstritten. Die einen sehen darin eine eindrucksvolle Mahnung im Sinne des „Memento mori“ – bedenke, dass du sterben wirst. Andere erkennen in dem Werk einen nationalsozialistisch geprägten Propagandareigen. Diese Einschätzung hängt vor allem auch mit der ursprünglichen Fassung zusammen: Auf der rechten Wandseite führte einst eine Gruppe von Angehörigen der SS, der SA und des Reichsarbeitsdienstes den Zug an. Diese Gruppe wurde 1945 im Auftrag der Stadt übermalt und 1949 von Martin-Amorbach selbst durch eine Gruppe von Industriearbeitern, darunter eine Spinnereiarbeiterin und vermutlich ein Vertreter der Auto Union, ersetzt.

Wie sehr diese Wandmalerei an einem so prominenten Ort die Menschen bewegt, zeigte die Diskussion, zu der der Historische Verein eingeladen hatte. Die Aussegnungshalle war so voll, dass einige Besucher mit einem Stehplatz vorliebnehmen mussten. Nach einer Einführung von Lutz Tietmann, der auch die Entstehungsgeschichte der Ingolstädter Friedhöfe skizzierte, ging der Historiker Harald Schulze der Frage nach, wie stark Martin-Amorbach in den Nationalsozialismus verstrickt war.

Fest steht: Martin-Amorbach erhielt trotz der 1937 verhängten Aufnahmesperre die Mitgliedschaft in der NSDAP. Allein daraus lässt sich der Grad seiner Verstrickung allerdings noch nicht ableiten. 1938 wurde er persönlich von Adolf Hitler zum Professor ernannt, nachdem Parteigenossen bestätigt hatten, er sei ein begeisterter und zuverlässiger Parteianhänger. Zugleich berichtete Schulze von einem der letzten Berliner Studenten Martin-Amorbachs, der Künstler sei – anders als einige Professorenkollegen – nie in Uniform, sondern stets in Zivil erschienen.

Nach dem Krieg wurde Martin-Amorbach, wie viele andere, in die „Gruppe der Mitläufer“ eingestuft. Er wurde zu einer Geldsühne von 1000 Reichsmark sowie zu Verfahrenskosten in Höhe von 949 Reichsmark verurteilt. Mit der Überweisung war sein Entnazifizierungsverfahren abgeschlossen.

Ein zweiter Schwerpunkt von Schulzes Vortrag war die kunsthistorische Beurteilung des Freskos selbst: In welchem Maß entspricht der „Totentanz“ der Bildsprache und Ethik des Nationalsozialismus? Martin-Amorbach malte gegenständlich und traditionsverbunden. Neben religiösen Darstellungen prägten vor allem bäuerliche Motive und Landschaftsmalereien sein Werk. Bekannt wurde er insbesondere als Kirchenmaler und als ein herausragender Freskenkünstler; bei seinen Marienbildern griff er häufig auf italienische Vorbilder zurück.

Neuere kunsthistorische Untersuchungen ordnen ihn deshalb nicht nur als erfolgreichen Künstler seiner Zeit ein, sondern auch als Vertreter einer Kunst, deren Stil und Motivwelt mit den kulturpolitischen Vorstellungen des NS-Regimes übereinstimmten. Schulze bezeichnete einige Arbeiten Martin-Amorbachs sogar als Schlüsselwerke früher NS-Kunst.

Im Hinblick auf die Beurteilung des Ingolstädter „Totentanzes“ relativierte Schulze seine frühere Einschätzung bei der Veranstaltung jedoch. Ihm sei damals nicht bekannt gewesen, dass die Grundkonzeption bereits 1933 angelegt worden war. Daher würde er seine Beurteilung heute korrigieren: Der Ingolstädter Totentanz spanne mit seinem Schwerpunkt auf der Ingolstädter Bevölkerung einen historischen Bogen von der ausgehenden Weimarer Republik über die NS-Zeit bis in die Gegenwart.

Agnes Krumwiede wendet sich vor allem gegen eine geschichtsrevisionistische Deutung des Werks. Anlass war ursprünglich ein Beitrag auf der Internetseite der Stadt, in dem es hieß, der Künstler Oskar Martin-Amorbach sei „unberechtigterweise in den Ruf, dem Nationalsozialismus nahezustehen“ gebracht worden. Diese Formulierung wurde inzwischen gelöscht.

Krumwiede und andere setzen sich nun für eine neue Darstellung ein. Darin solle herausgearbeitet werden, dass nur wenige Künstler so stark vom Nationalsozialismus profitiert hätten wie Martin-Amorbach. Während etwa Otto Dix seine Professur verlor und seine Kunst – wie die vieler anderer Künstler – als „entartet“ diffamiert wurde, erhielt Martin-Amorbach einen Professorentitel von Hitler; zudem kaufte Hitler mehrere seiner Werke für sehr hohe Summen an.

Zum Abschluss der Veranstaltung verwiesen die Organisatoren auf die Expertise von Dr. Sabine Beneke mit dem Titel „Zur Kontextualisierung eines Kunstwerkes aus der Zeit des Nationalsozialismus“. Da die zusätzlich angeforderte Stellungnahme erst am 8. Juni eingetroffen war, konnte bei der Veranstaltung am 10. Juni lediglich eine Zusammenfassung ihrer wesentlichen Aussagen präsentiert werden: 

„Das Ingolstädter Projekt fügt sich als Projekt der Stadtplanung in die Kulturpolitik nach dem 1. Weltkrieg ein.“

„Der identitäts- und gemeinschaftsstiftende Charakter, der in den zwanziger Jahren für die Wandmalerei gewünscht wurde, machte es den Nationalsozialisten einfach, sie für ihre ideologischen Zwecke zu nutzen.“

„Das Fresko in seiner gegenwärtigen Gestalt ist im Grunde ein Werk der Weimarer Republik und der bundesdeutschen Nachkriegszeit.“

Fest steht, dass eine Kontextualisierung erfolgen wird – zunächst allerdings aus Kostengründen nur in virtueller Form 

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