Wenn das Herz der Stadt aufs Abstellgleis geschoben wird

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Mit dem letzten Vorhang im Großen Haus endet weit mehr als eine 60-jährige Ära. Nach sechs Jahrzehnten fiel im Großen Haus der letzte Vorhang – ein Anlass, diesen unfassbaren Moment mitzuerleben, denn kaum jemand konnte glauben, dass es tatsächlich passiert. Mit dem letzten Stück „Kasimir und Karoline“ nahmen die Menschen Abschied von einer Bühne, auf der Tausende Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter über Jahrzehnte so Großartiges geleistet haben – vor und hinter der Bühne. Zum letzten Mal versammelten sich alle Mitarbeitenden im Großen Haus, um gemeinsam Abschied zu nehmen.

Intendant Oliver Brunner gab einen kleinen Überblick, während seine Stimme immer wieder brach und er – wie so viele an diesem schmerzhaften Abend – gegen die Tränen kämpfte: Es gab 13.419 Vorstellungen, die mehr als sieben Millionen Menschen berührt hatten – exakt 7.222.151 Zuschauer. Menschen, die hier gelacht, geweint, gestaunt, gestritten, nachgedacht und vielleicht ein kleines Stück verändert hinausgegangen sind. Für viele war diese Bühne prägend – sei es als aktive Teilnehmende oder als Zuschauer.

Als der sogenannte Eiserne Vorhang zum letzten Mal langsam fiel, wurde diese historische Zäsur von zahlreichen Handyaufnahmen dokumentiert – die bedrückende Stimmung war rundum spürbar. Manch einem fiel es schwer, diesen Ort tatsächlich – und vielleicht für immer – loszulassen. Einige verweilten, als könnten sie den Abschied hinauszögern, solange sie den Raum noch nicht verlassen hatten.

In diesem unfassbar bewegenden Moment konnte auch keine Erklärung von Kulturreferent Marc Grandmontagne den Schmerz lindern. Denn die Last der Pflichtaufgaben, die den Kommunen ihre Mittel raubt, machte die Situation noch schwerer zu ertragen. Einzig ein schwacher Lichtblick schimmerte auf: Grandmontagne verwies auf die Initiative von Karoline Schwärzli-Bühler, eine Stiftung zu gründen und ermunterte sich dieser anzuschließen, um zu demonstrieren: Es ist unsere Stadt und wir wollen unser Theater.  Er erinnerte an Christoph Schlingentiefs Haltung zum Scheitern:

„Wenn man es innerlich schafft zu akzeptieren, dass es eines Scheiterns bedarf, um Kräfte nutzbar zu machen, wird viel passieren.“

In diesen Worten lag ein leiser Hoffnungsschimmer – ein Licht am Horizont, das versprach, dass auch in schwierigen Zeiten Neues entstehen kann.

Als sich die Türen zum Zuschauerraum für eine unüberschaubare Zeit schlossen, blieben die Menschen im Foyer – fast wie bei einer Beerdigung – stehen, nahmen sich tröstend in den Arm, ließen mancher Träne freien Lauf, tauschten Erinnerungen aus und teilten ihren Schmerz. In diesen Momenten zeigte sich, wie sehr das Theater über Jahrzehnte hinweg nicht nur Raum, sondern Heimat, Begegnung und Lebensgefühl war.

Im Sommer 2027 gehen auch die Lichter im Festsaal für eine unabsehbare Zeit aus. Dieses Theater, das so glanzvoll, mutig, ungewöhnlich, einladend und visionär begonnen hat – ein Bau, der sich grundlegend von üblichen Theaterbauten unterscheidet und Offenheit, Bildung und demokratische Teilhabe symbolisiert – entstand aus der Überzeugung der Architekten Hämer und Buro, dass Kultur mitten in die Stadtgesellschaft gehört und nicht auf ein Podest. Auch wenn wir für alternative Lösungen dankbar sein müssen und ihnen einen guten Start von Herzen wünschen: Genau das passiert mit der Schließung des Stadttheaters und der Verlegung der Bühne in das sogenannte Holztheater.

Abschließend bleibt, den Worten des Intendanten Brunner zuzustimmen:
„Pass auf dich auf, Großes Haus!“

Denn die Menschen haben es nicht geschafft.

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