Ein Blick Hinter die Kulissen des Stadttheater
Während Ingolstadt über Millionen für die Sanierung diskutiert, zeigt ein Blick hinter die Kulissen, wie viel Leben, Handwerk und Geschichte im Stadttheater steckt. Das Ingolstädter Stadttheater steht vor einer ungewissen Zukunft. Während über Sanierungskosten von inzwischen rund 230 Millionen Euro diskutiert wird und sämtliche bisherigen Planungen vorerst gestoppt sind, läuft hinter den Kulissen der Theaterbetrieb weiter – mit Werkstätten, Probebühnen, Kostümfundus und einem Ensemble, das den Alltag eines Hauses prägt, das für viele längst mehr ist als nur eine Bühne.
Bereits im Foyer zeigt sich die besondere Idee hinter dem Bau. Entworfen wurde das Stadttheater vom Architekten-Ehepaar Hardt-Waltherr Hämer und Marie Brigitte Hämer-Buro. Der Baustil folgt dem Brutalismus – abgeleitet vom französischen „béton brut“, also rohem Sichtbeton. Doch der Bau sollte nie nur funktional sein. Das Theater bildet die Struktur der Altstadt nach: Das weite Foyer steht für öffentliche Plätze, schmale Gänge und Treppen symbolisieren die engen Gassen Ingolstadts. Selbst der Holzfußboden erinnert bewusst an Kopfsteinpflaster.
Durch die großen Glasfassaden wirkt das Gebäude offen und durchlässig. Besucher blicken hinaus in die Stadt, gleichzeitig spiegelt sich die Stadt in den Fenstern des Theaters. Über allem hängt im Foyer ein monumentaler Leuchter des Künstlers Robert Haussmann mit ursprünglich 1565 Lampen – inzwischen auf Energiespartechnik umgerüstet.
Ursprünglich war der Bau sogar noch größer gedacht. In frühen Planungen waren neben dem Theater auch eine Bibliothek und ein Hallenbad im Keller vorgesehen. Doch die Bürger wollten vor allem eines: wieder ein eigenes Theater. Das frühere Theater am Rathausplatz war im Krieg zerstört worden, gespielt wurde zwischenzeitlich im Rappensberger-Keller. Für den Neubau sammelten Bürger damals 300.000 D-Mark. Das Geld floss später in die goldenen Verzierungen des Hauses, gestaltet vom Künstler Heinrich Eichmann.
1962 begann der Bau, eröffnet wurde das Große Haus am 21. Januar 1966 mit Mozarts „Hochzeit des Figaro“. Seit 2002 steht das Theater unter Denkmalschutz. Heute gilt das Große Haus mit seinen 660 Sitzplätzen allerdings als sehr groß dimensioniert. Das Interims-Theater am Glacis bietet dagegen 460 Plätze und soll ab der Spielzeit 2026/27 das Große Haus ersetzen. Alle Abonnements werden dorthin übernommen. Gleichzeitig wird geprüft, ob eine abschnittsweise Sanierung des denkmalgeschützten Hauses möglich ist. Bereits vor etwa 25 Jahren hatte sich der Stadtrat erstmals mit einer grundlegenden Sanierung beschäftigt.
Das Stadttheater umfasst heute insgesamt fünf Spielstätten, darunter das Kleine Haus, das Studio im Herzogskasten und die Freilichtbühne im Turm Baur. Für das Junge Theater gibt es keinen eigenen Ersatzbau. Die Produktionen werden künftig auf andere Spielstätten verteilt. Mehr als 50.000 Kinder und Jugendliche erreicht das Junge Theater inzwischen pro Spielzeit. Der Interimsbau am Glacis war ursprünglich nur für rund zehn Jahre ausgelegt. Inzwischen halten Experten jedoch eine deutlich längere Nutzung für möglich. Anders als das Gebäude noch in der Schweiz stand, steht das Gebäude auf Streifenfundamenten und ist hinterlüftet konstruiert.
Hinter dem Spielbetrieb steckt ein mittelständischer Betrieb mit rund 200 Beschäftigten. Das feste Ensemble umfasst 29 Schauspieler. Geprobt wird meist vormittags und abends. Viele Produktionen entstehen gemeinsam mit externen Teams. Rund zwölf Wochen vor einer Premiere kommen Regie- und Ausstattungsteams ans Haus und bringen sogenannte Figurine, Bühnenentwürfe und Modelle mit. Danach beginnen die Gewerke mit ihrer Arbeit. Sechs bis acht Wochen vor der Premiere starten die Proben mit den Darstellern. Texte werden dabei regelmäßig an Ensemble und Bühne angepasst. Selbst kurz vor der Premiere wird noch umgeschrieben – bei einer Hauptprobe seien einmal kurzfristig 16 Seiten gestrichen worden.
Auf der Bühne zeigt sich die technische Dimension des Hauses. Der Bühnenturm mit seinem Schnürboden ragt 17 Meter in die Höhe. 85 elektrische Punktzüge bewegen Bühnenbilder, Vorhänge oder Scheinwerfer. Teilweise schweben darüber sogar Schauspieler durch die Luft. Hinzu kommen 18 Handzüge und rund 140 Scheinwerfer. Die Bühne selbst kann um bis zu 1,40 Meter geneigt werden.
Im Hintergrund koordiniert die Inspizienz den gesamten Ablauf eines Theaterabends. Vom Inspizientenpult aus werden Licht, Ton, Video, Technik, Einlass und die Einsätze der Schauspieler gesteuert. Auch die Werkstätten gehören zum Herzstück des Hauses. Sie wurden bereits während der Bauphase erweitert, weil man sich bewusst gegen ein reines Gastspieltheater und für eigenes Repertoire entschied. Im Malersaal entstehen Bühnenbilder, daneben arbeiten Schreinerei, Schlosserei und Polsterei. Viele Kulissen werden nach Ende einer Produktion wiederverwendet.
Ähnlich sorgfältig organisiert sind Kostüm- und Requisitenfundus. Insgesamt vier Kostümlager besitzt das Theater. Im Requisitenfundus sammelt das Haus Gegenstände, die möglicherweise erst Jahre später auf der Bühne gebraucht werden – um bestimmte Zeiten möglichst authentisch darstellen zu können. Und während im Zuschauerraum über Millionenbeträge, Sanierungskonzepte und Übergangslösungen diskutiert wird, läuft hinter den Kulissen längst der ganz normale Theateralltag weiter: proben, bauen, umbauen, improvisieren. Genau darin liegt vielleicht die eigentliche Stärke dieses Hauses.






















