Es geht um die Kinder, nicht um mich – was Ingolstadt verliert, wenn INfreestyle aufgibt

Leserbrief von Khodr Abou Riche Gründer und Projektleitung INfreestyle e.V.

Mein Name ist Khodr Abou Riche. Sohn libanesischer Flüchtlinge, aufgewachsen in einer Kleinstadt in Niederbayern, seit über zehn Jahren in Ingolstadt zu Hause. Heute leite ich INfreestyle e.V. — und ich schreibe diesen Brief, weil ich keine Lust mehr habe zu schweigen.

Bevor ich den Verein aufgebaut habe, war ich Schulbegleiter, habe in einer Erstaufnahme mit unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen gearbeitet und meine Ausbildung als Heilerziehungspfleger gemacht. Ich weiß, wovon ich rede, wenn es um Kinder, Jugend und Sprache geht.

INfreestyle ist aus einem Tonstudio entstanden, das nie gebaut wurde, und aus einem Minijob für 8 Euro die Stunde. Daraus geworden ist das Projekt „Identität“: zehn Songs, 22 Beteiligte aus zwölf Nationen — und die Geburtsstunde unseres Vereins.

Heute erreichen wir jährlich Hunderte Kinder und Jugendliche: Workshops, Tonstudio, Camps, Ferienfreizeiten mit gutem Betreuungsschlüssel. Vollständig kostenlos für die Familien. Dafür haben wir den Bayerischen Integrationspreis bekommen und einen Staatspreis für Sprachförderung. Wir kosten diese Stadt nichts — wir bringen Geld nach Ingolstadt.

Und trotzdem.

Von rund 185.000 Euro Jahresetat kommen 10.000 von der Stadt. Keine fünf Prozent. Zum Vergleich: Die Mobile Jugendarbeit des Stadtjugendrings hat drei feste Stellen, Fahrzeug und Ausstattung. Bei uns muss jeder Cent über Stiftungen, die Deutsche Fernsehlotterie, Spenden und private Vorfinanzierung zusammengetragen werden.

Ich habe das erste Jahr komplett ehrenamtlich gearbeitet — und nebenbei als Praxisdozent gejobbt, damit der Verein überhaupt entstehen konnte. Das ist nicht nachhaltig. Und es ist nicht gerecht.

Im letzten Jahr wollten wir den nächsten Schritt: einen Vorschulkindergarten. Weil wir die Lösung für genau das Problem anbieten, über das in dieser Stadt niemand offen sprechen will — dass Kinder die deutsche Sprache nicht mehr beherrschen.

Egal ob Migrationskind, Flüchtlingskind oder Einheimische: Der Wortschatz wird dünner, die Sätze kürzer, die Eltern sind oft selbst überfordert. Wenn Acht- und Neuntklässler den Unterschied zwischen Dativ und Akkusativ nicht mehr setzen können, ist das kein Problem von übermorgen — es ist eines von heute.

Wir hatten die Immobilie, das Netzwerk, die Konzeption, den Staatspreis für Sprachförderung in der Tasche. Was wir bekamen, waren Zahlen, die einen wirtschaftlichen Totalschaden bedeutet hätten: rund 150.000 Euro Deckungslücke im Jahr bei 45 Plätzen. Kein Differenzausgleich. Kein Zuschuss für die Ersteinrichtung.

Den Mietzuschuss zugesagt — neun Monate später hieß es, wir müssten erst ein volles Betriebsjahr nachweisen, um ihn überhaupt beantragen zu dürfen. Liebe Stadt: Der Rechtsanspruch auf einen Kitaplatz rückt näher. Das ist nicht mein Problem. Das ist Ihres.

Ich erzähle das nicht aus Bitterkeit. Ich erzähle es, weil wir gerade dabei sind, eine Generation zu verlieren, die genau das nicht verdient hat. Diese Kids sind kreativ, sensibel, klug — wenn sie eine Woche bei uns im Studio, im Wald, im Camp sind, sieht man das.

Sie haben Besseres verdient, als nebenher mitgeschleppt zu werden, während für Rüstung, Repräsentation und Strukturen Milliarden ausgegeben werden.

Ich arbeite für 2.070 Euro netto im Monat — als Projektleiter, Geschäftsführer, Antragsteller, Pädagoge und Mädchen für alles. Mein Vertrag läuft Ende des Jahres aus. Es gibt Gespräche mit anderen Städten, auch außerhalb Bayerns.

Ich will hier nicht weg. Ich will, dass Ingolstadt versteht, was es an INfreestyle hat — und was es verliert, wenn es weiter wegschaut.

Eines ist klar: INfreestyle bleibt für die Kinder und Jugendlichen 100 % kostenlos. Bevor sich daran etwas ändert, existiert der Verein nicht mehr.

Deshalb meine Bitte an Stadtrat, Jugendamt und Stadtjugendring: Reden wir konkret. Über Räume — auch über den Leerstand in dieser Stadt, der in vielen deutschen Kommunen längst per Nutzungsänderung mobilisiert wird. Über eine verlässliche Finanzierung. Über die Einrichtung, die wir bauen wollen. Über die Kinder, für die wir das alles tun.

Nicht in zwei Jahren. Jetzt.

Mit freundlichen Grüßen

Khodr Abou Riche
Gründer und Projektleitung INfreestyle e.V.

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