Wenn analoge Räume wegbrechen 

Warum Jugendliche reale Orte brauchen – und was alles verloren geht, wenn sie verschwinden

Wenn analoge Räume für Kinder und Jugendliche verschwinden, geht weit mehr verloren als ein Veranstaltungsort. Es verschwinden Orte der Begegnung, des Ausprobierens und der Selbstwirksamkeit. Genau diese Sorge formulierte Beate Diao, Initiatorin und Leiterin der Kunst und Kultur Bastei, anlässlich der 20-jährigen Jubiläumsfeier. Denn Kürzungen treffen hier nicht nur eine Kunststätte. Sie nehmen jungen Menschen reale Räume, in denen sie kulturelle Bildung, Gemeinschaft, Mitbestimmung und Selbstwirksamkeit erfahren können. Solche Orte sind nicht nur pädagogisch wertvoll – sie sind gesellschaftlich notwendig.

Statt analoge Räume auszubauen, werden sie zunehmend abgebaut. Gleichzeitig diskutiert man über Verbote sozialer Medien, weil Erwachsene längst die Kontrolle darüber verloren haben, welchen Inhalten Kinder und Jugendliche dort ausgesetzt sind. Je weniger reale Orte bleiben, desto stärker werden junge Menschen in die digitale Welt und in konsumorientierte Räume gedrängt. Begegnung wird an Kaufkraft gekoppelt, soziale Teilhabe zur Kostenfrage. Jugendliche lernen: Konsum wird immer stärker Teil sozialer Anerkennung, weil kommerzielle Orte auf Umsatz ausgerichtet sind.

Jugendliche brauchen aber auch Räume, in denen sie ohne ständige Bewertung und Verwertung einfach sein dürfen. Sie brauchen neben Zuhause und Schule nicht-kommerzielle dritte Orte: niedrigschwellig, sicher, erreichbar und nicht konsumorientiert. Sie brauchen Orte, an denen sie Aushandeln, Rücksicht, Konfliktlösung, Sichtbarkeit und Verantwortung üben können. Fehlen solche Räume, fehlt gesellschaftliches Training. Dann ist es kaum überraschend, wenn Jugendliche ins Digitale ausweichen – nicht nur, weil es attraktiv ist, sondern weil es oft der billigste, einfachste und einzige verfügbare Ausweg bleibt. Das Problem liegt dann nicht allein in ihrem Verhalten, sondern auch in einer Umgebung, die ihnen wenig andere Möglichkeiten bietet.

Wie groß die Probleme bereits sind, zeigt eine Studie der DAK-Gesundheit: Rund 1,5 Millionen Kinder und Jugendliche nutzen soziale Medien in problematischer Weise. Etwa jeder fünfzehnte junge Mensch zwischen zehn und 17 Jahren gilt als suchtgefährdet oder abhängig. Bei depressiv veranlagten Jugendlichen liegt der Anteil mit 30 Prozent deutlich höher.

Wenn Chatbot der „Freund für’s Leben“ wird

Erschreckend ist zudem, dass für manche junge Menschen ein Chatbot vertrauter erscheint als ein Mensch und teilweise sogar als Freund – manchmal sogar als einziger –  wahrgenommen wird. Gerade in der sensiblen Phase der Pubertät kann das erhebliche Folgen haben. Der Bot ist jederzeit verfügbar, widerspricht selten, wirkt verständnisvoll und konfliktarm. Genau das macht ihn attraktiv – aber auch riskant. Reale Freundschaften verlangen Frustrationstoleranz, Umgang mit Missverständnissen, Auseinandersetzung mit Grenzen und Geduld. Werden diese Erfahrungen vermieden, können soziale Unsicherheit, Rückzug und verzerrte Erwartungen an Beziehungen entstehen. Besonders gefährdet sind Jugendliche, die ohnehin einsam, ängstlich oder sozial isoliert sind. Eine dänische Studie weist darauf hin, dass Jugendliche, die Chatbots zur emotionalen Unterstützung nutzen, häufiger einsam sind und weniger soziale Unterstützung erleben als Gleichaltrige. In den USA laufen inzwischen mehrere Klagen von Angehörigen, die KI-Chatbots zumindest eine Mitverantwortung am Suizid ihrer Kinder zuschreiben. Gerichtliche Entscheidungen in der Sache stehen noch aus. 

Langfristig hat diese Entwicklung auch gesellschaftliche Folgen. Wenn Maschinen zunehmend emotionale Grundbedürfnisse bedienen, wird Nähe nicht mehr nur zwischen Menschen hergestellt, sondern über Plattformen vermittelt. Das kann soziale Vereinzelung verstärken und Konfliktfähigkeit schwächen. Der Einzelne erlebt sich immer weniger als Teil einer Gemeinschaft. Zugehörigkeit, Verantwortung und Vertrauen schwinden. Gemeinsame Regeln wirken weniger verbindlich, Rücksicht und Engagement nehmen ab. Viele ziehen sich ins Private oder Digitale zurück. Langfristig kann das Einsamkeit, Misstrauen und gesellschaftliche Spaltung verstärken.

Selbstverständlich geht es nicht darum, die Möglichkeiten der digitalen Welt zu verteufeln. Aber die Debatte zeigt, wie wichtig analoge Räume für junge Menschen bleiben – Orte, an denen sie sich ausprobieren, Gemeinschaft erleben und soziale Erfahrungen machen können. Gerade deshalb braucht es nicht weniger, sondern mehr Investitionen in solche Räume – und konkrete Alternativen, bevor sie endgültig verschwinden. (HaGa)

Foto: freepik

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