Wenn öffentliche Abfalleimer verschwinden und der Dreck bleibt
Geht man durch die Innenstadt fallen einem übliche Reste urbaner Bequemlichkeit auf: leere Eisbecher, zerknüllte Zigarettenschachteln oder Pommesgabeln. Da fragt man sich: ist zu viel verlangt den Müll in einen Abfalleimer zu werfen?
Wer dann aber selbst etwas loswerden will, merkt schnell: So einfach ist es gar nicht. Nicht nur, dass öffentliche Mülleimer ohnehin sparsam aufgestellt sind. Manchmal werden die wenigen vorhandenen auch noch abgebaut. Und manchmal liest man dann: „Der Mülleimer wurde nicht ordnungsgemäß genutzt und auf Wunsch des Bezirksausschusses Mitte entfernt. Vielen Dank für Ihr Verständnis.“
Übersetzt heißt das: Einige entsorgen ihren privaten Hausmüll im öffentlichen Abfalleimer auf Kosten anderer und entlasten damit ihre wohl zu kleine private Mülltone.
Das Nachsehen haben diejenigen, die mit der pappigen Verpackung vom Eis oder den fettigen Resten der Pommes in der Hand herumlaufen und sich fragen, wohin damit. Die einen ziehen daraus den bequemen Schluss: Dann ist eben die Stadt schuld – und lassen den Müll fallen oder legen ihn irgendwo ab. Die anderen ärgern sich und tragen ihn weiter, manchmal sogar bis nach Hause.


So entsteht ein absurdes System: Weil einige öffentliche Mülleimer missbrauchen, werden sie entfernt. Weil sie fehlen, landet mehr Müll auf der Straße. Und weil mehr Müll herumliegt, wirkt die Innenstadt noch ungepflegter. Am Ende verlieren alle. – außer vielleicht diejenigen, die ihren Hausmüll auf Kosten der Allgemeinheit entsorgen.
Selbstverantwortung – wenn es gerade passt
Über Müll, Verbote und ein fragwürdiges Verständnis von Bürgersinn
Nicht nur in der Innenstadt, sondern auch in Naherholungsgebieten und auf Spielplätzen fällt auf, dass Mülleimer fehlen. Die Stadt appelliert hier an die Selbstverantwortung der Menschen: Wer seine Lebensmittel verpackt mitbringt, könne die leeren Verpackungen schließlich auch wieder mit nach Hause nehmen. Dieser Gedanke ist durchaus nachvollziehbar.
Allerdings halten sich leider nicht alle daran. Wenn Müll – oft sogar mit Essensresten – vor Ort liegen bleibt, ist das nicht nur unschön, sondern lockt auf Dauer auch Ratten an. Und das kann niemand wollen.


Wenn Selbstverantwortung funktioniert
Dass es auch anders geht, zeigt erstaunlicherweise das jährliche Classic Open Air im Klenzepark. Dort lässt sich jedes Jahr beobachten, dass Besucher ihren Müll selbstverständlich ordnungsgemäß entsorgen – entweder in den bereitgestellten Behältern oder indem sie ihn wieder mitnehmen. Wenn die tausenden Besucher am Ende der Abende nach Hause gehen, bleibt die Wiese sauber zurück.
Umso mehr stellt sich die Frage, wie ernst es der Stadt mit der oft beschworenen Selbstverantwortung der Bürger tatsächlich ist. Denn während beim Thema Müll schnell auf Eigenverantwortung verwiesen wird, entsteht an anderer Stelle eher der Eindruck einer bevormundenden Verwaltung. Aktuell zeigt sich das bei der geplanten Veranstaltung der Fischerstecher im Piuspark.
Entmündigung mit Ansage
Die Veranstalter wollten beim Sommerfest das Fischerstechen auf dem Piussee organisieren. Es sollte einer der Höhepunkte der Veranstaltung werden. Die Stadtverwaltung untersagte das Vorhaben jedoch mit Verweis auf mögliche gesundheitliche Risiken. Hintergrund ist die Keimbelastung im Piussee. Das Gesundheitsamt rät deshalb vom Baden ab. In der Begründung heißt es: „Ein konkretes Erkrankungsrisiko lässt sich nicht beziffern, da individuelle Faktoren ggf. verstärkend wirken.“ Da beim Fischerstechen typischerweise Teilnehmer ins Wasser fallen, wertete die Stadt dies als Baden – und untersagte den Programmpunkt.
Die Organisatoren kritisieren nicht nur das Ergebnis, sondern auch den Ablauf, bei dem sie sich nach eigener Darstellung nicht ernst genommen fühlten. Fünf Wochen lang erhielten sie gar keine Reaktion auf ihre Anfrage. Erst nach längerem Hin und Her kam es zu Gesprächen – allerdings teilweise mit Gesprächspartnern, die inhaltlich offenbar nicht vorbereitet waren. All das verzögerte die Planung erheblich.
Auch inhaltlich halten die Veranstalter die Entscheidung für fragwürdig. Wenn sich ein konkretes Erkrankungsrisiko nicht beziffern lasse, müsse zumindest geprüft werden, wie die aktuelle Wasserqualität tatsächlich sei. Stattdessen sei das Vorhaben offenbar vorsorglich ausgebremst worden. Nach Darstellung der Organisatoren könnte auch das Veto des Gartenamtes dazu geführt haben, dass das Anliegen zunächst nicht ernsthaft weiterbearbeitet wurde.
Genau hier liegt der Widerspruch: Einerseits wird von Bürgern Eigenverantwortung erwartet. Andererseits nimmt die Verwaltung ihnen Entscheidungen ab, sobald ein theoretisches Risiko im Raum steht. Konsequenter wäre es, klar auf mögliche gesundheitliche Gefahren hinzuweisen und die Teilnahme den Betroffenen selbst zu überlassen. (HaGa)
Kommentar
Bitte selbst kümmern. Aber nicht selbst entscheiden.
Der seltsame Umgang mit Eigenverantwortung
Mit seinem Satz „Frage nicht, was dein Land für dich tun kann – frage, was du für dein Land tun kannst“ appellierte John F. Kennedy an die Eigenverantwortung jedes Einzelnen. Ein schöner Gedanke. Nur wird er schwierig, wenn Eigenverantwortung immer dann entdeckt wird, wenn sie der Verwaltung Arbeit spart – und verschwindet, sobald Bürger tatsächlich selbst entscheiden wollen.
Beim Müll heißt es: Nehmt eure Verpackungen eben wieder mit nach Hause. Beim Fischerstechen im Piuspark dagegen heißt es: Lieber nicht, das könnte gefährlich sein. Mal ist der Bürger mündig genug, seinen Abfall selbst zu organisieren. Mal offenbar nicht mündig genug, ein überschaubares Risiko selbst einzuschätzen.
So entsteht kein Bürgersinn, sondern Frust. Wer Selbstverantwortung verlangt, muss Bürgern auch Verantwortung zutrauen. Andernfalls wirkt der Appell nur wie ein Sparprogramm mit moralischem Anstrich.
Gerade beim Müllproblem rächt sich diese Halbherzigkeit. Das Phänomen des „Broken-Windows“ setzt sich durch: Die Hemmschwelle sinkt und da wo bereits Abfall liegt, landet schnell weiterer.
