Ein Meisterwerk an Präzision
Es gibt Veranstaltungen, die tiefe Emotionen hinterlassen. Ein solcher Abend war der Bühnenabend im Rahmen der Tanztage 2026 im Theater am Glacis mit der MiR Dance Company, der restlos begeisterte und vielleicht auch manch einen etwas verwirrte.
Denn der Auftakt fand nicht erst auf der Bühne statt: Eine Tänzerin der Company empfing die Zuschauer bereits im Foyer mit einer beeindruckenden Solo-Performance mitten unter ihnen. Sie gab einen ersten Eindruck dessen, was einen erwartete: die Fähigkeit – oder eben auch die Zurückhaltung –, miteinander in Verbindung zu treten.



Das Thema wurde auf der Bühne fortgesetzt: Millennials kreist um die Generation Y, also Menschen, die Ende des 20. Jahrhunderts geboren wurden und von digitaler Überkommunikation, Vereinzelung und der Schwierigkeit geprägt sind, echte Verbundenheit zu empfinden. Marcos Moraus Choreographie übersetzt dieses suchende Lebensgefühl in eine meisterlich präzise, körperlich intensive Bühnensprache, die tief und nachhaltig berührt.
Kein Bühnenbild lenkt von der unvorstellbar präzisen Präsenz der Tänzerinnen und Tänzer ab, die priesterlich ganz in Schwarz gekleidet waren. Das einzige zentrale Requisit waren große schwarze Hüte, deren Handhabung allein schon in Erstaunen versetzte. Mal wirkten sie wie Masken, mal wie Schutzschilde, mal wie Zeichen von Uniformität: Sie verbanden die Tänzer scheinbar miteinander, und doch blieb jeder verdeckt und anonym.
Die Aufführung ist eine faszinierende Mischung aus Schönheit und Kälte und entfaltet eine eigentümliche Sogwirkung. Sie hinterlässt ein Gefühl von Faszination und Beklemmung, aus dem es nicht leicht ist, auf den zweiten, lebendigen und lebensbejahenden Teil umzuschalten.


Vielleicht legt man deshalb das Künstlergespräch, das die künstlerische Leitung der Tanztage, Yasemina Lamar, mit dem Company-Leiter Giuseppe Spota führte, zwischen die so gegensätzlichen Teile des Tanzabends. Spota beschreibt die Generation Y als eine, die die Fähigkeit verloren hat, miteinander in Verbindung zu kommen und zu bleiben – was durch die Kälte des Stücks eindringlich spürbar wird. Und er verspricht im zweiten Teil einen strahlenden, warmen Gegenpol.
Hasard – Zufall – bildet einen absoluten Kontrast zu Millennials: Nicht nur die Kostüme der Tänzerinnen und Tänzer sind bunt, fließend und in warmen Farben gehalten, auch die Musik wirkt einladend und gefällig. Und dann erobert Ravels Bolero die Bühne. Der eingängige, pulsierende Ohrwurm – eine faszinierende Mischung aus Rhythmus, Melodie und Leidenschaft – ist selbst Menschen bekannt, die mit klassischer Musik sonst kaum etwas anfangen können.


Die Choreographin Sita Ostheimer blickt dabei hinter Ravels Mythos. Sie zeigt, was uns Menschen antreibt: Alles Leben pulsiert im Rhythmus – Herzschlag, Atem und Schritte. Sie verzichtet auf ein Bühnenbild, stellt die Tänzer ganz in den Mittelpunkt und zeigt sie in all den Facetten des Lebens, mit all ihrem Sehnen, Scheitern und Wiederaufstehen.Und trotzdem entsteht eine perfekte Performance, die in jeder der 17 Minuten ein absoluter Hochgenuss ist – auch wenn die faszinierende Beklemmung von Millennials nicht ganz weichen mag. Was die besondere Atmosphäre dieses atemberaubend schönen Abends allerdings in keinster Weise schmälerte.
