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Zauberflöte  – Opera but not the Opera: ein furioser Zauber zum Abschied 

Wem noch nicht bewusst ist, was Ingolstadt mit der Schließung des Stadttheaters verliert, der sollte unbedingt noch in die aktuelle Inszenierung der „Zauberflöte“ gehen – und zwar schnell. Leider gibt es nicht allzu viele Aufführungen, und diese dürften nach dem fulminanten Premierenerfolg bald restlos vergriffen sein. Schon der Untertitel macht deutlich, dass es sich nicht um Mozarts klassische Oper handelt, sondern um eine freie Bearbeitung von Nils Strunk und Lukas Schrenk, die Mozarts Stoff mit Leichtigkeit, Witz und viel Augenzwinkern ins Heute übersetzen. In einer der meistgespielten Opern überhaupt wird hier fröhlich mit neu arrangierter Musik, theatralem Witz und deutlichen Gegenwartsbezügen gearbeitet. Die Figuren Tamino, Pamina, Papageno, Sarastro und die Königin der Nacht sind zwar weiterhin da, doch sie sind nicht mehr bloß Typen eines Märchens, sondern wirken psychologisch heutiger, verletzlicher und vielschichtiger – Suchende nach Liebe in einer bedrohlichen Außenwelt. Pamina erscheint leidenschaftlich, aber auch kritisch: Sie hinterfragt Taminos Oberflächlichkeit, weil er sich zunächst in ihr Bild verliebt, als hätte sie nicht weit mehr zu bieten. Sarastro wiederum verbindet mit der Königin der Nacht eine gemeinsame Vergangenheit, und beide tragen ihren Machtkampf auf dem Rücken der nachfolgenden Generation aus.

Unser Stadttheater ist kein Opernhaus, und auch die Ensemblemitglieder sind keine ausgebildeten Opernsänger – mit Ausnahme von Renate Knollmann, die eine entsprechende Ausbildung genossen hat. Was aber in der letzten Premiere im Großen Haus auf die Bühne gestellt wurde – Bühnenbild, Kostüme, der freche Musikmix, das Ballett und die fantastischen Leistungen des gesamten Ensembles –, war so sensationell und überwältigend, dass es die Besucher förmlich von den Sitzen riss. Sie feierten diesen 160-minütigen Zauber mit schier nicht enden wollenden Standing Ovations – und manchem wurde dabei zugleich schwer ums Herz. Denn es bedeutete eben auch den Abschied von einer großartigen Bühne, die so viele Möglichkeiten bietet. Regisseur Philipp Moschitz, der in Ingolstadt bereits „Cabaret“, „Der kleine Horrorladen“ und „Hedwig and the Angry Inch“ inszeniert hat, schöpfte noch einmal aus dem Vollen und zauberte eine opulente Aufführung auf die Bühne, die restlos begeisterte.

Schon bevor der erste Ton erklang, wurden die Besucher durch bunte Lichter, die den Zuschauerraum in eine zauberhafte Welt tauchten, auf einen ganz besonderen Abend eingestimmt. Dieser Eindruck wurde beim ersten Blick auf Matthias Engelmanns Bühnenbild sofort bestätigt. Die Bühne wird von einem märchenhaft anmutenden, drehbaren Zirkuswagen mit Balkon und Vorhängen dominiert. Mit Lichteffekten und Bewegung werden die Szenenwechsel und Kulissen immer wieder auf überraschende und eindrucksvolle Weise in Szene gesetzt. Allein das ist schon ein Fest für die Augen.

Einmal mehr zeigte das Ensemble, was für ein Glück Ingolstadt hat, derart herausragende Schauspielerinnen und Schauspieler zu besitzen, die nicht nur spielen, sondern auch noch beeindruckend kraftvoll und wandelbar singen können. Die Ouvertüre präsentiert sich als Chor des Ensembles, dirigiert von Tobias Hofmann, der für den musikalischen Part verantwortlich war und den Abend gewohnt gekonnt auch mit vielen Geräuschkulissen begleitete. Dann löst sich der Chor auf, und jede einzelne Schauspielerin und jeder einzelne Schauspieler zeigt sein ganzes Können und reißt das Publikum immer wieder zu begeistertem Zwischenapplaus hin. Renate Knollmann ist eine glänzende Königin der Nacht, Olivia Wendt ihre selbstbewusste, ein wenig aufmüpfige Tochter Pamina. Matthias Gärtner begeistert als Papageno, Marc Simon Delfs als suchender Tamino, Jan Gebauer beeindruckt als Sarastro. Olivia Wendt, Teresa Trauth und Beyer sind nicht nur die drei Damen, sondern übernehmen auch weitere Hauptrollen wie Pamina, Monostatos und Papagena. Urkomisch sind die drei Knaben – Ralf Lichtenberg, Philip Lemke und Amelie Leicht –, die hier zugleich die Rolle der Erzähler übernehmen. Eine Klasse für sich sind auch die fantastischen Tänzerinnen, die ausdrucksstark etwa die Schlange verkörpern, aber immer wieder auch Stimmungen und Übergänge mit kraftvoll großer Präzision und Eleganz untermalen.

Über die schillernden, märchenhaften Kostüme kann man nur ins Schwärmen geraten. Deutlich wird, wie viel Freude Claudio Pohle daran gehabt haben muss, die Schauspieler mit Federn, Glitzer und kräftigen Farben auszustatten und sich dabei offenkundig auch von Lady Gaga und der Commedia dell’arte inspirieren zu lassen. Auch hier gilt: ein einziges Fest fürs Auge.

Was für ein Abend, was für eine Fülle, was für ein Zauber! Erstaunlich, wie viel Magie in eine einzige Aufführung gepackt werden kann. Die Wirkung dieser Stunden trägt einen noch lange mit sich fort, und man beneidet fast jeden, der das Vergnügen, diese ungewöhnliche, überwältigende und in jeder Hinsicht mitreißende Inszenierung zu erleben, noch vor sich hat. (HaGa)

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