Rupert Ebner über Zweifel, Widersprüche und die Lust am langsamen Widerstand
Dr. Rupert Ebner, Tierarzt aus Ingolstadt und seit Juni 2024 Präsident von Slow Food Deutschland, mischt sich ein, wo Genuss auf Verantwortung trifft. Die 1992 gegründete Bewegung setzt sich für gutes, sauberes und faires Essen ein – gegen die Beschleunigung industrieller Ernährung sowie für Vielfalt, Handwerk und faire Produktionsbedingungen. Im Gespräch skizziert Ebner seinen Weg zwischen Praxis und Engagement – und erklärt, warum Ernährungspolitik uns alle betrifft.
Der Ursprung: Erinnerung an eine andere Landwirtschaft
Der Weg zu Slow Food begann für Ebner nicht auf einem Podium, sondern mit einer Erinnerung. Als junger Tierarzt suchte er nach einer Möglichkeit, das wiederzufinden, was seine Kindheit auf dem Bauernhof geprägt hatte: Vielfalt, Tiere unterschiedlicher Arten und Essen aus der eigenen Umgebung. Die moderne Landwirtschaft hatte vieles davon verdrängt. Wieso hat Slow Food ihn dann persönlich verändert? „Nach dem Einstieg in das Berufsleben suchte ich nach einer Möglichkeit, meine glückliche Jugend auf dem Bauernhof meiner Tante irgendwie in mein eigenes Leben einzubauen.“ Der entscheidende Impuls kam von einem befreundeten Tierarzt, der ihm eine kleine Publikation der jungen Bewegung zeigte – acht Seiten „Schneckenpost“. Für Ebner war sofort klar, dass hier eine Idee formuliert wurde, nach der er lange gesucht hatte. Inzwischen ist er seit fast 30 JahrenMitglied und hat die Strukturen von Slow Food Deutschland mitgeprägt.
Stall und Teller: Verantwortung beginnt auf der Weide
Ebners Perspektive auf Ernährung ist eng mit seinem Beruf verbunden. Als Tierarzt erlebt er täglich, wie Entscheidungen in der Landwirtschaft getroffen werden – und welche Folgen sie für Tiere, Bauern und Verbraucher haben. „Ich versuche den Landwirten zu vermitteln, dass nicht immer die produzierte Menge entscheidend ist. Qualität und Art der Erzeugung sollten eigentlich immer mitberücksichtigt werden.“
Ein Thema liegt ihm besonders am Herzen: der verantwortungsvolle Umgang mit Antibiotika. Für Ebner sind sie ein medizinischer Fortschritt, zugleich aber ein Beispiel dafür, wie technische Lösungen missbraucht werden können, wenn sie strukturelle Probleme überdecken. Auch deshalb beschäftigt sich Slow Food intensiv mit Biodiversität und Projekten wie der „Arche des Geschmacks“, die traditionelle Nutztierrassen bewahren will. Besonders wichtig sind für den Tierarzt Wiederkäuer, die Gras und Heu verwerten und nicht in direkter Nahrungskonkurrenz zum Menschen stehen.
Genuss und Zweifel: Die Bewegung bleibt in Bewegung
Trotz klarer Überzeugungen vermeidet Ebner einfache Antworten. Genuss, Tierwohl und globale Ernährungsgerechtigkeit geraten immer wieder in Konflikt. Gibt es einen inneren Widerspruch zwischen Genuss und Verantwortung? Ebner antwortet offen: „Da gibt es viele – etwa die Frage, ob wir Aale essen dürfen oder ob Stopfleber unseren Tierschutzansprüchen gerecht wird. Wir diskutieren solche Fragen ernsthaft und offen.“
Gerade diese Debatten versteht er als Stärke von Slow Food. Die Bewegung wolle keine moralische Instanz sein, sondern eine Plattform für Gespräche über Landwirtschaft, Kultur und Genuss. Ebner selbst lebt diese Prinzipien konsequent: Fleisch kommt nur auf den Teller, wenn Herkunft und Haltung bekannt sind. Die meisten Einkäufe erledigt er in Hof- oder Bioläden; zuhause entstehen aus einfachen Zutaten Gerichte ohne industrielle Fertigprodukte. Für ihn ein Zeichen, dass sein Weg und der der Bewegung weiterhinzusammenpassen.
Titelbild: Ursula Hudson Preis 2025 Dr Rupert Ebner (c) Ingo Hilger

