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Die im Dunkeln sieht man nicht

Patientenaufnahme im Klinikum „Tue für die anderen, was Dir selbst gut täte“ 

Wer ins Krankenhaus muss, kennt dieses beklemmende Gefühl: die Sorge um die eigene Gesundheit, die Unsicherheit vor Untersuchungen oder Eingriffen – und nicht selten auch die Überforderung angesichts eines großen, unübersichtlichen Gebäudekomplexes. Viele Menschen kommen bereits angespannt ins Klinikum und fürchten, sich dort kaum zurechtzufinden.

Umso wichtiger sind die freundlichen Damen der Patientenaufnahme im Klinikum Ingolstadt. Sie sind oft die ersten Ansprechpartnerinnen für ankommende Patienten, helfen bei den notwendigen Schritten am Aufnahmeterminal und an den Aufnahmekabinen, erklären Wege, geben Orientierung im Haus und begleiten bei Bedarf sogar bis zu den Stationen. Manchmal ist es aber auch einfach ihre ruhige, zugewandte Präsenz, die Wartenden guttut und sie in einer belastenden Situation auffängt.

Denn genau darum geht es: nicht um medizinische Hilfe, sondern um menschliche Begleitung. Die ehrenamtlich engagierten Frauen schenken Zeit, Aufmerksamkeit und emotionale Entlastung in einem Moment, in dem viele Menschen besonders verletzlich sind. Sie helfen mit Gepäck, organisieren bei Bedarf Kleinigkeiten wie Telefonkarte oder Fernseher und vermitteln vor allem eines: das Gefühl, nicht allein zu sein.

Eine von 17 Ehrenamtlichen, die montags bis donnerstags jeweils von 8 bis 11 Uhr am Warteterminal im Einsatz sind, ist Erika. Sie stammt aus Brasilien, aus Rio de Janeiro. Gemeinsam mit ihrem Mann, der wie sie bei Audi arbeitete, kam sie 2005 nach Ingolstadt, nachdem er in das Hauptwerk berufen worden war.

Der Anfang in Deutschland war für sie nicht leicht. Ohne Deutschkenntnisse musste sie sich erst zurechtfinden. Doch Erika wollte die Sprache schnell lernen, besuchte unterschiedlichste Kurse und fuhr dafür sogar regelmäßig nach München. Nachdem sie die nötigen Sprachprüfungen bestanden hatte, stand ihr der Weg zu einem Studium offen. Doch dann führte ein Audi-Projekt ihren Mann nach Mexiko. Erika ging mit und begann dort ein Studium zur Spanischlehrerin.

Wenn einem das ehrenamtliche Engagement selbstverständlich und wichtig ist 

Seit 2018 lebt das Ehepaar wieder in Ingolstadt. Ehrenamtliches Engagement war Erika schon lange vertraut: Bereits in Brasilien hatte sie sich in den Favelas eingesetzt. In Ingolstadt machte sie eine Bekannte auf die Freiwilligenagentur aufmerksam. Zunächst zweifelte Erika, ob ihre Deutschkenntnisse dafür ausreichen würden. Doch bei einem Kennenlerngespräch lernte sie verschiedene Projekte kennen – und wusste sofort, dass sie ins Krankenhaus wollte.

Dort, sagt sie, seien viele Menschen traurig, verunsichert oder einfach allein. Und die meisten seien froh, wenn jemand auf sie zukomme. Oft werde sie auf ihren Akzent angesprochen und gefragt, woher sie stamme. Brasilien verbinde man mit Sonne, Lebensfreude und Wärme – und allein das zaubere vielen schon ein Lächeln ins Gesicht. Für Erika ist das oft ein erster Zugang, ein Eisbrecher, durch den der Krankenhausalltag für einen Moment in den Hintergrund rückt.

Sie ist ein Mensch, der schwierigen Situationen nicht ausweicht. Deshalb beginnt sie derzeit auch eine Ausbildung zur ehrenamtlichen Hospizbegleiterin. Ihre Aufgabe am Empfangsterminal des Klinikums möchte sie dennoch weiterführen.

Vielleicht ist es ihr brasilianisches Temperament, vielleicht ihre Haltung zum Leben – in jedem Fall begegnet Erika den Menschen nicht nur freundlich, sondern mit einer Herzlichkeit, die unmittelbar spürbar ist. Sie nimmt auch einmal jemanden in den Arm oder hält tröstend eine Hand, um, wie sie selbst sagt, positive Energie weiterzugeben und diese für andere fühlbar zu machen.

Erika ist überzeugt, dass sich noch mehr Menschen freiwillig engagieren sollten – selbst wenn es nur ein Einsatz im Monat ist. Schon ein wenig Zeit könne viel bewirken. Es gehe darum, für andere da zu sein und das Leben mit kleinen Gesten leichter zu machen. Deshalb bemüht sie sich nicht nur gegenüber den Patienten um Freundlichkeit und Zuwendung, sondern begegnet auch Mitarbeitern und allen anderen Menschen im Klinikum offen, fröhlich und persönlich.

Stellvertretend steht Erika damit für all die engagierten Frauen, die im Rahmen eines Projekts der Freiwilligenagentur Ingolstadt seit 2002 dazu beitragen, ankommenden Patienten den Einstieg in den Klinikaufenthalt zu erleichtern. Wer selbst schon einmal in einer solchen Situation war, weiß, wie wertvoll diese Form der Unterstützung ist – und dass man sie kaum hoch genug einschätzen kann.

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