Papsturkunde, historische Bücher und Baupläne eines Donau-Bades: Zum Tag der Archive führte Matthias Nicklaus, Leiter des Stadtarchivs durch die Magazine im Kavalier Hepp
Schon am Morgen kamen viele interessierte Bürger ins Stadtarchiv Ingolstadt, um an den Führungen zum Tag der Archive teilzunehmen. Wer das Magazin betrat, merkte sofort: Hier herrschen andere Bedingungen als in den öffentlichen Räumen des Hauses. Die Luft ist kühler, es riecht nach Papier, und aus den älteren Neonröhren ist ein leises Summen zu hören. Genau auf diese Eindrücke machte Matthias Nicklaus, Leiter des Stadtarchivs Ingolstadt, die Besucher zu Beginn aufmerksam.
Denn hinter den Mauern des Kavalier Hepp lagern Akten, Bücher und Urkunden auf insgesamt rund sechs Kilometern Regalanlagen – das historische Gedächtnis der Stadt.
Ein Archiv in einem besonderen Gebäude
Schon der Ort selbst erzählt Geschichte. Das Stadtarchiv befindet sich nicht in einem eigens errichteten Archivbau, sondern in einem ehemaligen Festungsgebäude, das später militärisch genutzt und schließlich für zivile Zwecke umgewandelt wurde. Nicklaus sprach von einem „adaptierten Altbau“.
Für die Arbeit des Archivs ist das ein Vorteil. Die massiven Mauern sorgen für ein stabiles Raumklima mit möglichst gleichbleibender Temperatur und Luftfeuchtigkeit. „Wir haben hier ein extrem träges Klima“, sagte Nicklaus. Genau das ist für die Lagerung historischer Bestände wichtig, weil dadurch weniger technische Klimatisierung nötig ist.
Mehr als nur Akten der Verwaltung
Die Führung machte schnell deutlich, dass ein Stadtarchiv weit mehr ist als ein Aufbewahrungsort alter Verwaltungsakten. Zwar gehören Akten, Amtsbücher, Rechnungsbücher und Urkunden zu den klassischen Beständen. Doch daneben sammelt das Stadtarchiv auch nichtamtliches Schriftgut, also Zeugnisse aus dem Leben der Stadtgesellschaft.



Erst diese Verbindung aus amtlicher Überlieferung und persönlichen oder kulturellen Quellen ergibt ein vollständigeres Bild der Vergangenheit. Dazu gehören auch Materialien zur Ingolstädter Schriftstellerin Marieluise Fleißer. Ihr Werk „Fegefeuer in Ingolstadt“ nannte Nicklaus als Beispiel für Bestände, die über die reine Verwaltungsgeschichte hinausreichen und kulturelles Leben dokumentieren.
Wenn ein Buch wirklich „aufgeschlagen“ wird
Zu den einprägsamsten Stücken der Führung gehörte ein großer historischer Band aus dem 19. Jahrhundert mit schweren Schließen und Metallbeschlägen. An diesem Buch erklärte Nicklaus den ursprünglichen Sinn einer Redewendung, die heute ganz selbstverständlich verwendet wird.


Früher bedeutete es tatsächlich, ein Buch „aufzuschlagen“. Durch Druck auf den Einband sprangen die Schließen auf, und der Band ließ sich öffnen. Was heute nur noch sprachliches Bild ist, war damals ganz wörtlich gemeint. Zugleich zeigte das Objekt, wie aufwendig wertvolle Bücher einst geschützt wurden.
Eine Papsturkunde als besonderer Schatz
Ein weiteres Highlight der Führung war eine Papsturkunde aus dem Jahr 1363. Sie ist die einzige Papsturkunde im Bestand des Stadtarchivs Ingolstadt. In ihr wird die Aufhebung einer Exkommunikation der Bürger von Ingolstadt dokumentiert.


Hintergrund ist ein heute kaum noch bekanntes mittelalterliches Ereignis: Ein Bischof wurde in der Region von Bürgern einer anderen Stadt festgesetzt. Als Ingolstädter Bürger eingriffen, gerieten auch sie in den Konflikt mit der Kirche. Solche Quellen zeigen, wie eng lokale Geschichte mit größeren politischen und kirchlichen Zusammenhängen verbunden sein kann.
Für Nicklaus liegt genau darin der besondere Wert solcher Bestände. „Das sind Geschichten, die können Sie nicht googeln“, sagte er während der Führung.
Ein Bad in der Donau
Dass Archivgut nicht nur von Politik, Kirche und Verwaltung erzählt, sondern auch vom Alltag früherer Generationen, zeigte ein weiteres Beispiel aus den Beständen: In einer Bauakte des Magistrats der königlichen Stadt Ingolstadt finden sich Unterlagen zur Einrichtung eines städtischen Schwimmbades in der Donau. Die Akte ist mit 1899 bis 1935 datiert und dokumentiert, wie die Stadt ein solches Bad plante und verwaltete.


Wie Matthias Nicklaus während der Führung erklärte, bestand das schwimmende Bad ungefähr seit den 1890er Jahren und war über Jahrzehnte ein beliebter Treffpunkt für die Bevölkerung. Da die Donau im Winter häufig zufror, musste die Anlage regelmäßig entfernt werden. Auch bei Hochwasser wurde sie vorsorglich abgebaut. Heute erinnern vor allem Pläne und Verwaltungsakten an diese längst verschwundene Einrichtung.
Das Gedächtnis der Stadt
Die Führung zum Tag der Archive zeigte damit weit mehr als nur alte Regale und vergilbte Dokumente. Sie machte sichtbar, welche Aufgaben ein Stadtarchiv erfüllt: Es bewahrt Verwaltungshandeln, sichert historische Quellen und hält zugleich Erinnerungen aus dem Leben der Menschen fest.



Wer durch die Magazine im Kavalier Hepp geht, blickt deshalb nicht nur auf Akten und Bücher, sondern auf viele Jahrhunderte Ingolstädter Geschichte – und auf Geschichten, die man tatsächlich nicht googeln kann.

