Uraufführung am Stadttheater Ingolstadt
Ein überdimensioniertes Porträt des evangelischen Theologen Karl Barth hängt wie ein Damoklesschwert über dem Geschehen. Es dominiert nicht nur die Bühne, sondern auch das Leben zweier Frauen: Nelly Barth, Ehefrau und Mutter seiner fünf Kinder, und Charlotte von Kirschbaum, intellektuelle Sparringpartnerin, Mitarbeiterin, Geliebte.
Charlotte, am 25. Juni 1899 in Ingolstadt geboren, gehörte im katholisch geprägten Umfeld der evangelischen St.-Matthäus-Gemeinde an und kam so mit der dialektischen Theologie des damals aufstrebenden Schweizers in Berührung. Sie war von Barths Denkansätzen fasziniert und begegnete ihm 1924 bei einem Vortrag an der Universität Göttingen. Von da an ging es schnell: Aus der Bewunderin wurde die engste, schließlich die wichtigste Mitarbeiterin.


Barth förderte ihr Wissen in Sprachen – Hebräisch, Griechisch, Latein – ebenso wie in Dogmatik und theologischer Theorie. Damit vermittelte er ihr eine akademische Ausbildung, die Frauen formal nicht zugänglich war. Auf seine Initiative hin zog sie in den Haushalt der Familie Barth ein. Was Karl Barth als Notgemeinschaft bezeichnete, war für Nelly vor allem eines: eine Zumutung. Scheidung stand immer wieder im Raum, doch sie schreckte davor zurück – aus religiösen wie gesellschaftlichen Gründen. Also arrangierte man sich. Nicht versöhnt, eher verharrend. Ein Leben zu dritt, das besonders den beiden Frauen viel abverlangte und doch Jahrzehnte dauerte – und fanden schließlich auch gemeinsam ihre letzte Ruhe in einem Grab in Basel.
Die Auftragsproduktion des Stadttheaters Ingolstadt, geschrieben von der renommierten kroatisch-schweizerischen Autorin Ivna Zic, nähert sich dieser Konstellation über Briefe. Obwohl Charlotte Barths Hauptwerk „Kirchliche Dogmatik“ maßgeblich mitprägte – sie strukturierte, redigierte, überprüfte Argumentationsstränge und brachte eigene Gedanken ein –, ereilte sie ein Schicksal, das viele herausragende Künstlerinnen und Wissenschaftlerinnen über Jahrhunderte traf: Ihre Leistungen wurden übersehen, klein geschrieben oder dem männlichen Partner zugeschrieben. Ein weltweites strukturelles Phänomen, das unter dem Begriff Mathilda-Effekt bekannt ist.
Erst mit der (teilweisen) Veröffentlichung der Korrespondenz zwischen von Kirschbaum und Barth wurde die Dimension von Charlottes Wirken sichtbarer. Nelly hingegen, die zeitlebens im Privaten wirkte und verfügte, dass ihre Briefe nicht veröffentlicht werden dürfen, verschwand nahezu vollständig aus der Wahrnehmung.
Ivna Zic gibt den beiden Frauen die Bühne, die ihnen das Leben vorenthalten hat. Ergänzt werden sie durch einen zehnköpfigen Chor und eine Archivarin, die über Briefe Einblicke gewährt, sowie Livemusik auf der Bühne. Am Ende versinkt die Geschichte im dichten Nebel – so wie zuvor auch manche Satzfetzen der Akustik, der Musik und dem Chor zum Opfer fallen.
Trotz dieses kleinen Mangels ist es eine interessante, anspruchsvolle Inszenierung, die in jedem Fall einen Besuch lohnt.

