Ein weiterer Höhepunkt des Fem*Festivals 2026 war diese Veranstaltung im Reimanns. Und erneut war sie nicht nur restlos ausverkauft: Einige Interessierte waren sogar von weit her angereist, so etwa eine junge Frau aus Haßfurt. „Für eine solche Veranstaltung hätte ich sonst nach Berlin fahren müssen“, sagte sie.
Die promovierte Politikwissenschaftlerin vertritt die These, dass die Ehe keine neutrale Liebesform, sondern eine patriarchale Institution sei, die historisch mit Besitz, Kontrolle und Absicherung verbunden ist. Aus ihrer Sicht stabilisiert sie bis heute Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern – besonders zulasten von Frauen.
Diese Ungleichheit zeigt sich nach Roig vor allem in finanziellen Abhängigkeiten und in der ungleichen Verteilung von Care-Arbeit. Staat, Gesellschaft und Wirtschaft profitierten davon, dass diese Arbeit häufig unbezahlt, unsichtbar und überwiegend von Frauen geleistet werde. Ohne diese Sorgearbeit, so Roig, würde das bestehende Wirtschaftssystem in seiner jetzigen Form nicht funktionieren.


Roig betonte, dass es ihr nicht darum gehe, die Liebe zu kritisieren, sondern deren Institutionalisierung. Vielen Menschen – besonders Frauen – werde durch Sozialisation vermittelt, Ehe und Kinder seien Voraussetzung oder Erfüllung eines glücklichen Lebens. Zugleich verwies sie auf Studien, nach denen Männer in der Ehe oft stärker von gesundheitlichen und sozialen Vorteilen profitieren als Frauen. Dennoch seien es oft Frauen, die sich eine Ehe stark wünschen, während viele Männer sie eher scheuen.
Auch die vermeintlich „natürliche“ Kernfamilie stellte Roig als historisch gewachsenes Ideal infrage. Dieses Leitbild entstand vor allem im 18. und 19. Jahrhundert im Zuge der bürgerlichen Gesellschaft und war eng mit der Trennung von Erwerbs- und Privatleben verbunden: der Mann im öffentlichen Raum, die Frau im häuslichen Bereich. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde dieses Modell in den 1950er Jahren politisch und kulturell besonders stark normiert und zum gesellschaftlichen Ideal erhoben.
Wie fragil dieses Konstrukt oft ist, zeigt sich auch daran, dass die Familie für viele Menschen kein Schutzraum, sondern ein Ort von Gewalt ist – etwa bei häuslicher Gewalt bis hin zu Tötungsdelikten, aber auch bei Gewalt und sexuellem Missbrauch an Kindern. Über viele Jahre und Jahrzehnte galt zudem die Vorstellung, Vorgänge innerhalb der Familie gingen die Gesellschaft nichts an.
Roig skizzierte , dass die Trennung von Erwerbs- und Privatleben im 19. Jahrhundert das Bild der Hausfrau nicht nur hervorgebracht, sondern auch idealisiert habe. Dieses Modell propagierte die Vorstellung, Frauen erfüllten ihre Aufgabe aus Liebe und gehen in der unbezahlten Sorgearbeit selbstverständlich „glücklich“ auf.
Zugleich machte Roig deutlich, dass Liebe aus ihrer Sicht keine Institutionalisierung braucht. Frauen mit Kindern oder Kinderwunsch empfehle sie dennoch aus pragmatischen Gründen die Ehe, weil sie wohl die einzige verlässlich rechtliche und finanzielle Absicherungen bietet. In diesem Sinne sei die Ehe zumindest „ein Pflaster auf der großen Wunde der gesellschaftlichen Ungerechtigkeit“. (HaGa)
