Toxische Weiblichkeit zwischen Selbstschutz und Selbstverlust

Gemeinhin kennt man den Begriff eher im Kontext toxischer Männlichkeit. Daher wirkt es zunächst befremdlich, dass eine Frau diese Zuschreibung auf Frauen bezieht. Sophia Fritz ist jedoch überzeugt, dass diese Debatte früher oder später ohnehin geführt wird. Deshalb sei es wichtig, die Deutungshoheit nicht aus der Hand zu geben: Es gehe ihr nicht darum, Frauen abzuwerten, sondern internalisierte patriarchale Muster sichtbar zu machen.

Ihr Anliegen ist ein selbstkritischer, feministischer Blick auf weibliche Sozialisation: Welche Verhaltensweisen sichern Anpassung, schaden aber langfristig dem Selbstbezug und Beziehungen? Fritz versteht ihre Ausführungen als Einladung zur Reflexion. Dieser Einladung in die Harderbastei folgten so viele Interessierte, dass die Veranstaltung ausverkauft war.

Sophia Fritz arbeitet in ihrem Buch mit fünf „misogynen Fremdbezeichnungen“ für Frauen bzw. weiblich sozialisierte Personen – als Kapiteltypen, die sie bewusst aufgreift und dekonstruieren will: das gute Mädchen, die Powerfrau, die Mutti, das Opfer und die Bitch.

Das gute Mädchen wirkt nach außen „pflegeleicht“: angepasst, gefallenwollend und konfliktscheu. Problematisch wird es, wenn die Anpassung bis zur Selbstverleugnung reicht und klare Grenzen nicht mehr gesetzt werden können.

Die Powerfrau definiert sich über Leistung, Kontrolle, Selbstoptimierung und Funktionieren. Problematisch wird dieses Muster, wenn Stärke als Zwang statt als Freiheit gelebt wird, Leistung zum Ersatz für Selbstwert wird und Schwäche keinen Platz mehr hat.

Die Mutti zeigt sich durch Aufopferung, Kümmern und emotionale Fürsorge für andere. Dahinter stehen häufig Bedürfnisse nach Sinn, Bindung, Gebrauchtwerden und moralischer Anerkennung. Dieses Muster wirkt sozial anerkannt. Problematisch wird es, wenn Fürsorge in Selbstaufgabe, Bevormundung, Grenzverletzung oder verdeckte Steuerung kippt.

Das Opfer versteht Fritz im Sinne von Ohnmacht, Selbstabwertung und Rückzug in Passivität. Gleichzeitig warnt sie davor, den Begriff als Diagnose oder Vorwurf zu verwenden. Vielmehr geht sie der Frage nach, wann Ohnmacht zur dauerhaften Rolle wird und Handlungsfähigkeit blockiert.

Die Bitch zeichnet sich durch Härte, Abwertung, Kälte und Statusverhalten aus, mitunter auch durch eine nur scheinbare Souveränität auf Distanz. Gerade der Aspekt der Abwertung vermeintlicher Konkurrenz entlockte dem Zuhörerraum einige Lacher der Selbsterkenntnis. Toxisch wird es, wenn Härte, Abwertung oder Kälte zur einzigen Form von Stärke werden.

Die Autorin betonte, dass diese überspitzte Kategorisierung weder in Reinform auftrete noch als Schubladensystem zur Verurteilung von Frauen gedacht sei. Sie sei vielmehr als Werkzeug zur Selbstreflexion zu verstehen – eingebettet in patriarchale und historische Kontexte. Diese Muster sind nicht einfach „schlechte Charaktereigenschaften“, sondern oft Anpassungsstrategien in patriarchalen Verhältnissen, die auf Kosten von Selbstbezug und Beziehungen gehen. (HaGa)

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