Eine Reise durch die Geschichte der fünften Jahreszeit
Bier ist in Bayern bekanntlich kein Getränk, sondern Teil der eigenen Weltanschauung und der Geschichte – und Starkbier dessen besonders gehaltvolle Fußnote. Dunkel, malzbetont und mit reichlich Stammwürze entstand es im 17. Jahrhundert aus klösterlicher Notwendigkeit: Die Paulaner-Mönche brauten sich ein nahrhaftes Fastenbier, weil feste Nahrung tabu war. Bricht Flüssiges wirklich das Fasten? Natürlich nicht – sonst hätte man in Bayern kaum Jahrhunderte geistlicher Disziplin überstanden. Aus dem kräftigen Trunk wurde rasch das „flüssige Brot“, das Körper stärkte und dem Gemüt zuträglich war.
1751 erlaubte Kurfürst Maximilian III. offiziell den jährlichen Ausschank zum Ordensfesttag. Zum Dank kredenzten die Mönche dem Herrscherpaar den ersten Krug – eine Geste, die bis heute nachhallt, wenn am Münchner Nockherberg dem Ministerpräsidenten die erste Maß mit dem Starkbierpsalm „Salve pater patriae, bibas princeps optime“ gereicht wird. Ein Staatsakt? Sagen wir so: In Bayern beginnt hohe Politik gelegentlich am Zapfhahn – und endet dort nicht selten versöhnlich.
Starkbier und Derblecken
Zwischen Aschermittwoch und Ostern erlebt Bayern die fast schon offizielle „fünfte Jahreszeit“. Untrennbar gehört zum Starkbier das Derblecken, also das kunstvolle Verspotten politischer Prominenz. Jahresrückblick, Kabarett und Wirtshauspredigt verschmelzen zu einer bayerischen Königsdisziplin, bei der Kritik traditionell mit Schaumkrone serviert wird. Wer regieren will, muss das aushalten – und im Idealfall darüber lachen.
Spott mit Tradition
Vom Jakob Geis über den Roider Jackl bis zu neueren Fastenpredigern wie Luise Kinseher oder Maxi Schafroth, beim Salvatoranstich am Münchener Nockherberg, dem wohl bekanntesten „Derblecken“ blieb der Ton über Jahrzehnte erstaunlich konstant: pointiert, respektlos und oft näher an der Wahrheit als manchem unterhalb des Rednerpults lieb ist.
Auch in Ingolstadt markieren Starkbieranstiche den Übergang vom Winter in den Frühling – mit Musik, Geselligkeit und der stillen Hoffnung, dass nach der zweiten Maß selbst scharfe Attacken etwas milder klingen. Für viele der Geladenen gehört dieser Moment längst so selbstverständlich zum Jahreslauf wie das erste Bier im Biergarten oder der grantige Blick auf den leeren Stadtsäckel.

Über viele Jahre prägten die beiden Stadträte Hermann Regensburger als Gstanzlsänger und Manfred Schuhmann als Bruder Barnabas das Geschehen bei Nordbräu. Seit 2020 schreibt Melanie Arzenheimer die Fastenpredigt bei Nordbräu – ein Debüt mit historischem Timing: Zwei Tage später kam der erste Lockdown. Die beiden folgenden Ansprachenwanderten deshalb bei der Präsentation ins Netz, gespielt und gesprochen vom bis heuteaktiven Fastenprediger Andreas Huber.
Bloßstellen und verletzen ist dabei nicht ihre Sache: Die passionierte Kendo-Kämpferin teilt in ihren Texten zwar kräftig aus, trifft gerne aber lieber genau die Pointe als die Person. Arzenheimer sammelt ihren Stoff schon ab Sommer, schreibt selbst – versteht die Predigt jedoch bewusst als Gemeinschaftsprojekt mit Huber. Ihr Fokus liegt auf reiner Lokalpolitik. Weltpolitik bleibt draußen: „Mit Donald Trump wird heuer niemand verglichen – so schlimm ist Ingolstadt dann doch nicht“. Lieblingsdisziplin sind aktuelle Themen, die sie genüsslich ins Skurrile weiterdreht: ein Tropenhaus für den Zoo Wasserstern im Tiefgeschoss des neuen Museums etwa. Dazu kommt ein verlässlicher Running Gag – Sepp Mißlbeck, der über sich selbst am herzlichsten lacht und damit beweist, dass Humor manchmal die stabilste kommunalpolitische Währung ist. Ein Problem bleibt allerdings: Solche echten „Typen“ werden weniger. Und ohne Typen hilft selbst Starkbier nur bedingt – höchstens kurzfristig.
Eine ähnliche Grundhaltung prägt die Reden von Johannes Langer beim Derblecken zum Starkbieranstich von Herrnbräu. Seit 2007 – mit Unterbrechungen – liest er der Ingolstädter Lokalpolitik die Leviten und wechselt sich nach seinem Wiedereinstieg 2018 mit dem Pfaffenhofener Stadtjuristen Florian Erdle ab, der ab 2012 nach einem Casting die Reden hielt. Mit spitzer Feder und noch spitzerem Mundwerk betreibt Langer nach eigenem Bekunden allerdings kein generelles Politiker-Bashing. Politik sei schließlich auch ein Spiegel der Gesellschaft – und so legt Langer die Finger in viele Wunden, wo es wirklich wehtut. Manchmal offenbar so sehr, dass empfindsamere Mandatsträger schon mal den Saal vorzeitig verlassen.


Besonders herausfordernd ist es für ihn heuer: Die Stimmung in der Stadt gilt als derart angespannt, dass er sich richtig anstrengen muss, überhaupt etwas Lustiges zu finden. Man darf gespannt sein, was heuer in der Gaststätte am Auwaldsee in einer Mischung aus muskalischer Darbietung und Unterhaltung auch hinsichtlich Sport, Kultur und Gesellschaft eine zentrale Rolle spielt.
Starkbierzeit ist übrigens doppelt hinterfotzig: Nicht nur die Fastenreden haben es in sich, sondern auch das ausgeschenkte Bier. 16 Prozent Stammwürze und über 6 Prozent Alkohol sind schließlich Argumente, die selbst überzeugte Nörgler versöhnlich stimmen können.
Derblecken lebt vom Mut zur Spitze. Denn wenn beim Starkbier nur gelobt würde, könnte man ebenso gut alkoholfreies Wasser predigen – und das wäre wirklich unbayerisch. Die Zukunft des Starkbieranstichs entscheidet sich daher weniger im Sudkessel als im Tonfall im Bräustüberl: frech genug zum Lachen, klug genug zum Nachdenken und gelassen genug für ein weiteres Krügerl. Sonst bleibt am Ende nur Schaum – und nicht einmal als Krone.
Dass manche Themen ein Dauerbrenner sind und bleiben, das beweist in der (noch) aktuellen Wahlperiode ein Gstanzl von Hermann Regensburger vom Starkbierstich 2016:
Einige Stadträt de wechseln
De Partei wia andre ihre Hemden
De Wähler fühln sich beschissen
Und dean sich abwenden.
Bilder Archiv: IN-direkt/Schuhmann
